Die Kurzgeschichte eines trinidadischen Autors, die einen internationalen Literaturpreis gewonnen hat, steht im Mittelpunkt von Spekulationen über ihre mögliche Erstellung durch künstliche Intelligenz. Der Text des bisher unbekannten Hobbyautors Jamir Nazir erhielt den Karibik-Regionalpreis der britischen Commonwealth Foundation, auf den sich Tausende Bewerber beworben hatten.
In “The Serpent in the Grove” folgen exotische und stolpernde Sätze dicht aufeinander. Die Geschichte handelt von Vishnu Mohammed, einem Dorfbewohner, der seine Frau im Rausch überdrüssig wird und sie in eine Falle lockt. Sie fällt in einen Brunnen, wird aber gerettet und emanzipiert sich. Der Text endet mit Versen: “Der Wald erinnerte sich. / Das Haus erinnerte sich.” Nazirs Geschichte wurde im renommierten Magazin “Granta” veröffentlicht, nachdem sie die Aufmerksamkeit der Jurorin Sharma Taylor als souveräne Erzählung gewonnen hatte.
Kritiker auf sozialen Plattformen behaupten jedoch, dass ein KI-Modell den Text erstellt hat. Sie weisen darauf hin, dass bestimmte stilistische Merkmale in Nazirs Arbeit typisch für KI-generierte Inhalte sind, wie Scheinwidersprüche und schiefe Vergleiche. Diese Merkmale finden sich auch in seinen sozialen Medienbeiträgen wieder, die sich mit Themen von der Angst vor KI bis zum Sturz Maduros befassen.
Die Commonwealth Foundation betont in einer Erklärung, dass sie die Vorwürfe ernst nehme und alle Autoren bestätigt haben, selbst geschrieben zu haben. Da KI-Prüfungstools nicht verlässlich sind, vertrauen sie den Angaben der Autoren.
Die Literaturwelt steht an einem Wendepunkt: Experten besitzen keine Werkzeuge zur verlässlichen Unterscheidung zwischen KI-generierten und menschlichen Texten. Die Journalistin Vauhini Vara erörterte im “New Yorker” die Möglichkeit, dass Lesern KI-Texte gefallen könnten, da sie in Studien von Fachleuten oft bevorzugt wurden.
Falls Nazirs Kurzgeschichte tatsächlich nicht von einer KI verfasst wurde, deutet dies auf ein tieferes Problem hin: Autoren scheinen sich bereits vom Vokabular der KI-Modelle beeinflussen zu lassen. Diese Entwicklung wirft auch Fragen bezüglich der Auswahlmechanismen internationaler Literaturpreise auf – ob menschlich oder maschinell erzeugt, ein Text kann Wettbewerbe gewinnen und dabei wie Ausfluss eines Chat-GPT klingen.