Die Sammlung de l’Art brut in Lausanne feiert ihr fünfzigjähriges Bestehen mit einer Ausstellung, die Werke von psychisch erkrankten Menschen präsentiert. Adolf Wölfli, geboren 1864 im Emmental als siebtes Kind eines Alkoholikers und einer Prostituierten, wurde nach einem Delikt ins Gefängnis gebracht und später in der psychiatrischen Klinik Waldau untergebracht. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1930 mit der Diagnose paranoide Schizophrenie. In seiner Zelle begann Wölfli obsessiv zu zeichnen, schuf über 3000 großformatige Zeichnungen und Collagen sowie eine imaginäre Autobiografie auf 25 000 Seiten. Er komponierte Musik mit einer eigenen Notenschrift und sah seine Werke als «St.-Adolf-Riesen-Schöpfung». Wölfli entwickelte in seiner Zelle ein parallel existierendes Universum, das seine Demütigungen zu göttlichen Autoritäten umdeutete. Seine künstlerische Qualität, die Kombination von Farben und die malerische Intensität seiner Werke faszinieren bis heute. Walter Morgenthaler, ein Psychiater auf der Waldau, förderte Wölflis Talent und veröffentlichte seine Zeichnungen posthum. Die Collection de l’Art brut verwaltet heute über 70 000 Kunstwerke von Menschen, die nicht als traditionelle Künstler gelten. Der Sammlung gingen Werke wie jene von Emile Ratier, Madge Gill und Benjamin Bonjour voraus, deren Lebensgeschichten ebenso außergewöhnlich sind wie ihre kreativen Ausdrucksformen. Der Kunst- und Literaturhistoriker Michel Thévoz hat seine Karriere der Erforschung der Art Brut gewidmet. Er sieht die Werke als Ausdruck eines ästhetischen Widerstands gegen gesellschaftliche Normen. Sein bekanntestes Buch, «Requiem pour la folie», reflektiert den Wahnsinn als Kultur. Die Schweiz zeigt sich offen für diese Form der Kunst, was Thévoz auf einen «mentalen Föderalismus» zurückführt, der Vielfalt zulässt. Ben Vautier, ein Künstler, beschrieb die Schweiz treffend mit «La Suisse n’existe pas», um ihre Vielseitigkeit zu betonen. Die Ausstellung in Lausanne lädt bis zum 27. September dazu ein, diese einzigartige Kunstform und ihren Schöpfer Adolf Wölfli kennenzulernen.