Die Bewohner von Blatten sind immer noch mit den Folgen des Bergsturzes beschäftigt, ein Jahr nachdem das Ereignis stattfand. Claudia Brantschen, eine Notfallpsychologin und Psychotherapeutin, war unmittelbar nach dem Vorfall vor Ort und hat seither zahlreiche Menschen betreut. Sie erläutert die psychischen Auswirkungen, die der Verlust der Heimat mit sich bringt.
Claudia Brantschen ist sowohl im Milizdispositiv der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation im Bereich Care und psychosoziale Nothilfe als auch in ihrer eigenen Praxis tätig, wo sie Kinder und Jugendliche behandelt sowie Eltern unterstützt.
Im Gespräch mit SRF News erklärte Brantschen am Jahrestag des Bergsturzes die unterschiedlichen Verarbeitungswege der Betroffenen: “Es gibt keinen festen Zeitpunkt für Schwierigkeiten. Die Verarbeitung ist individuell und erfolgt in Wellen.” Anfragen um psychologische Hilfe kamen von allen Altersgruppen, unabhängig von Geschlecht oder Generation.
Direkt nach dem Ereignis stand das Organisieren und Entscheiden im Vordergrund. Erst mit der Zeit tauchen Fragen wie “Welche Spuren hinterlässt das bei mir?” auf. Die vierteilige SRF-Podcastserie “Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat” beleuchtet die persönlichen und politischen Aspekte des Verlusts von Heimat.
In den ersten Stunden nach einer Katastrophe dominiere Fassungslosigkeit, so Brantschen. Die Gefühle der Betroffenen schwanken zwischen Angst, Trauer und Erleichterung, dass das Dorf evakuiert wurde.
Brantschen betont, dass solche Reaktionen normal seien und nicht als Symptome einer Krankheit angesehen werden sollten. Träume über den Bergsturz oder die Rückkehr nach Blatten können ein Hinweis darauf sein, dass die Verarbeitung im Gange ist.
Der Verlust von Heimat bedeutet weit mehr als nur das Verlieren eines Zuhauses; er betrifft Sicherheit, Orientierung und Identität. Der Begriff Solastalgie beschreibt den Schmerz beim Erleben einer zerstörten oder stark veränderten Heimat.
In einem globalen Kontext sind Naturkatastrophen eine häufige Ursache für Heimatverlust. So waren Ende 2024 etwa zehn Millionen Menschen weltweit durch solche Ereignisse vertrieben, wie das IDMC feststellte.
Wichtig für die Bewältigung ist der Austausch mit bekannten Personen und der Wiedereinstieg in den Alltag. Die Auswirkungen des Bergsturzes werden viele Blattnerinnen und Blattner ihr Leben lang begleiten, wobei entscheidend ist, ob sie das Ereignis in ihre Lebensgeschichte integrieren können. So kann es zu neuen Perspektiven oder innerer Stärke führen.
Das Gespräch führte Sabine Steiner.
SRF 4 News, 5.5.2026, 6 Uhr; srf/kero;wyss