Im Mai 1938 zeigten die Zeitungen Oltens grosse Erleichterung und Freude über die Bestätigung der uneingeschränkten Neutralität der Schweiz durch den Völkerbund. Der Bundesrat erklärte am 30. April dem Völkerbundsrat, warum die Schweiz ihre Neutralität wieder als integral ansehen wollte, nicht mehr differenziell wie seit ihrem Beitritt zum Völkerbund 1920. Am 14. Mai anerkannte der Genfer Rat diese «neue alte» Neutralität: Die Schweiz war fortan von militärischen und wirtschaftlichen Sanktionen befreit.
Die Zeitungen Oltens – das freisinnige «Oltner Tagblatt», das katholisch-konservative «Der Morgen» sowie die sozialdemokratische «Das Volk» – reagierten positiv. «Der Morgen» betonte, dass die Aktion des Bundesrats mit der Unterstützung der Bundesversammlung und der öffentlichen Meinung erfolgreich war und führte dies auf das Engagement von Bundesrat Giuseppe Motta zurück. Der Tessiner, seit 1920 Leiter der schweizerischen Aussenpolitik, hatte sich stark für den Beitritt zum Völkerbund eingesetzt.
Das «Oltner Tagblatt» hob hervor, dass die Schweiz ihre Befreiung von Sanktionspflichten dem Ansehen des Landes und Mottas verdankte, trotz seiner Kritik im Inland. Die Zeitung sah darin eine Stärkung der Neutralität eines Landes inmitten europäischer Rüstungsaktivitäten.
«Das Volk» äusserte sich kritisch über den Zustand des Völkerbundes, insbesondere angesichts von Ereignissen wie dem italienischen Angriff auf Abessinien. Trotzdem betonte es die Bedeutung der Anerkennung der umfassenden Neutralität und wies auf die Gefahren hin, die aus einer Einschränkung entstehen könnten.
Der Völkerbundsratsbeschluss wurde von «Das Volk» als bedeutend erachtet, da er die historisch fundamentale Grundlage schweizerischer Aussenpolitik wiederherstellte. Sie kritisierte Litwinow, der argumentierte, dass nichts den Schweizer Wunsch rechtfertige. Stattdessen verwiesen sie auf Beispiele wie Abessinien und Österreich, die von den Mächten im Stich gelassen wurden.
Eine Kolumne im «Morgen» hinterfragte die Nützlichkeit der integralen Neutralität bei einem Verbleib im Völkerbund. Trotz Erleichterung durch die Wiederherstellung der unbeschwerten Neutralität blieben gewisse Einschränkungen bestehen.
Die Einigkeit der Oltner Zeitungen nach dem österreichischen Anschluss Hitlers 1938 spiegelte einen nationalen Zusammenhalt und ein gemeinsames Bekenntnis zur Unabhängigkeit und Neutralität wider. Der Bundesrat und alle Parteien hatten sich zuvor anlässlich der Frühjahrssession dazu bekannt, was die Zeitungen als «grossen Tag in Bern» feierten.
Zuvor hatte es Spannungen gegeben; «Das Volk» kritisierte Motta stark. Doch im Zuge der internationalen Verstimmungen und des österreichischen Untergangs bildete sich ein Konsens über die Aussenpolitik, an dem sowohl Motta als auch Sozialdemokrat Grimm beteiligt waren.
Was die Neutralitätsinitiative 1937 betraf, erwähnten alle drei Oltner Zeitungen ihre Ankündigung, jedoch ohne Unterstützung. Der «Morgen» sah nach dem erfolgreichen Abschluss in Genf keine Notwendigkeit mehr für ein Volksbegehren.
Die Berichterstattung der Zeitungen deutet darauf hin, dass die Neutralitätsinitiative lediglich ein Begleitumstand war und nicht maßgebend den Kurs des Bundesrats beeinflusste. Vielmehr schien der Druck durch die weltpolitische Lage in den 1930er Jahren ausschlaggebend zu sein, mit wachsender Kriegsgefahr und dem Niedergang des Völkerbundes.
Herbert Kaufmann ist Historiker.