Am Sonntag herrscht eine ungewöhnliche Ruhe im Zürcher Stadthaus. Die Wahl von Raphael Golta zum neuen Stadtpräsidenten bleibt weitgehend unauffällig, obwohl Corine Mauch, die 17 Jahre lang im Amt war, ihm symbolisch ihre Aufgaben überreicht. Mit lediglich einem Dutzend Journalisten als Zeugen beginnt Golta seine Amtszeit. Im zweiten Wahlgang der Zürcher Stadtratswahlen tritt Golta praktisch ohne Gegenkandidaten an. Obwohl er bereits im ersten Wahlgang überzeugte, erreichte er nicht das absolute Mehr und wurde deshalb wiedergewählt – dies bei einer Wahlbeteiligung von nur 23,5 Prozent. Golta spricht von Unbekanntheit bezüglich der wenigen Proteststimmen, die aufgetreten sind. Golta steht sogleich vor einer heiklen Aufgabe: Die Neuzuweisung der Stadtratsdepartemente, besonders für Michael Baumer (FDP), den letzten Bürgerlichen im Rat. Rot-Grün könnte ihm das Departement der Industriellen Betriebe entziehen, wo er unter anderem für ÖV und Energieversorgung zuständig ist. Die Entscheidung hierüber fällt vor dem 27. Mai. Das Beispiel von Baumer’s FDP-Kollegen Leutenegger aus 2018 zeigt: Departementswechsel sind keine Seltenheit, wenn politische Prioritäten es erfordern. Damals musste auch Leutenegger weichen und wurde ins Schuldepartement versetzt – ein Szenario, das Baumer droht. Golta kündigt an, mit allen Stadträtinnen und Stadträten Einzelgespräche zu führen, um eine faire Departementsverteilung zu erarbeiten. Er verrutscht jedoch ins Doppelnarrativ, als er von seiner „Nachfolgerin“ im Sozialdepartement spricht – ein Hinweis auf Céline Widmer. Falls Baumer in das Schul- und Sportdepartement wechselt, würde seine Einflussmöglichkeiten stark begrenzt werden. Die Bildungspolitik liegt hauptsächlich beim Kanton, während die Schulkreise vor Ort dominieren. Eine solche Umstrukturierung wäre für Baumer eine deutliche Degradierung. Der Druck von linken Parteien ist groß: Grüne und SP sehen im Departement der Industriellen Betriebe ein wichtiges Feld zur Umsetzung ihrer Klimapolitik, das bislang nicht ausreichend bearbeitet worden sei. Balthasar Glättli, neu gewählter grüner Klimapolitiker, äußerte öffentlich Interesse an diesem Departement. Glättli bleibt jedoch vorerst zurückhaltend und will die Entscheidung im engen Kreis mit den Stadtratskollegen aushandeln. Seine Partei hofft weiterhin auf eine Besetzung durch Glättli, während die FDP sich bereits zu härterem Widerstand bereit erklärt hat. Ein eventueller Baumer-Verlust im Departement könnte politische Folgen für Rot-Grün haben. Oliver Heimgartner von der SP zeigt sich unbeeindruckt von solchen Drohungen und betont die Unabhängigkeit der Stadtratsentscheidung. Der Wählerwille sei nicht an spezifische Departements gebunden, argumentiert er. Michael Baumer selbst, seit 2018 im Rat und zuvor Fraktionschef der FDP, bleibt vor dem entscheidenden Verteilungsprozess bedeckt. Bekannt ist seine Zufriedenheit mit seinem bisherigen Amtsbereich und das Bestreben, laufende Projekte abzuschließen. Während die Dynamik um Baumers Departement brodelt, bleiben weitere mögliche Wechsel im Gremium eher unwahrscheinlich. Karin Rykart (Grüne) oder Andreas Hauri (GLP) könnten als Kandidaten in Frage kommen, doch die Wahrscheinlichkeit bleibt gering. Baumers Hoffnungen ruhen auf Golta, mit dem er ein gutes Verhältnis unterhalten hat. Die SP ist stark genug im Stadtrat, um den Entscheid eigenständig zu treffen – und könnte Baumer möglicherweise dennoch das Amt lassen.