In der Vergangenheit beschossen proiranische Milizen im Zweistromland amerikanische Einrichtungen. Jetzt preisen sie einen bedeutenden Sieg an. Besuch bei den Kriegern, die unter irakischen Schiiten zunehmend umstritten sind. Ein Büro einer gefürchteten Gruppe befindet sich in einem ruhigen Viertel von Bagdad, Karada genannt. Ein Mann mit tätowierten Armen öffnet eine Metalltüre und zeigt auf ein schlichtes Einfamilienhaus mit einem tristen Besprechungsraum. Tee, Kaffee und Kekse werden angeboten. Dann betritt Kathem al-Fartusi den Raum. Der Geistliche im Turban und grauem Umhang raucht dünne Damenzigaretten und ist der Sprecher von Kataib Sayyid al-Shuhada, einer proiranischen Kampftruppe. Nach dem Angriff auf Iran durch Amerika und Israel vor zwei Monaten kämpft seine Gruppe im Krieg. Fartusi verkündet: «Wir haben hart gekämpft und gemeinsam mit den Verbündeten aus Teheran einen großen Sieg errungen.» Seine Truppen schossen Raketen und Granaten auf amerikanische Basen, während die Amerikaner Stellungen der Organisation bombardierten und ein Kopfgeld auf ihren Chef Abu Alaa al-Walai aussetzten. Fartusi bleibt unbeeindruckt: «Was haben die Amerikaner erreicht? Die Strasse von Hormuz ist blockiert, und Teheran steht weiterhin. Es ist klar, wer gewonnen hat.» Er nimmt den Verlust von Dutzenden Kämpfern in Kauf; das sei der Preis. Auch andere proiranische Gruppen beteiligten sich am Konflikt. Kataib Hizbullah griff ein Luxushotel an und nahm eine amerikanische Journalistin als Geisel. Trotz Infrastrukturprojekten des irakischen Staates, die Aufschwung bringen sollten, wird das Land wieder zum Schlachtfeld. Fartusi betont: «Ayatollah Khamenei war unser Führer. Iran hat uns immer unterstützt. Der Angriff auf Iran ist ein Angriff auf alle Schiiten.» Seit der amerikanischen Invasion 2003 und dem IS-Angriff 2014 schützen iranische Gruppen das Land als Vorwärtsverteidigung für Teheran. Iran investierte Milliarden in geheime Strukturen, lieferte Waffen und Militäroberhäupter wie Kassem Soleimani. Sein Tod durch einen amerikanischen Raketenangriff 2020 ändert wenig am Status quo: Zehntausende proiranische Kämpfer stehen im Irak unter Waffen. Viele von ihnen sind Teil der Volksmobilisierungskräfte und damit staatliche Sicherheitsorgane. Mit dem Konflikt stürmten Anhänger die Grüne Zone in Bagdad, wo sich die US-Botschaft befindet, was viele Amerikaner zur Flucht bewegte. Doch der Angriff war begrenzt; viele Gruppen verweigerten den Kampf. Viele irakische Schiiten wollen nicht für Teheran sterben und sind zu eigenständig dafür. Der Irak gilt als Heimat des Schiitentums, insbesondere wegen Kerbala. In der Nähe von Bagdad liegt die Stadt, wo sich die Gräber der Märtyrer Abbas und Hussein befinden. Jährlich pilgern Millionen Gläubige dorthin, auch in Kriegszeiten. Ein Bauunternehmer aus Teheran besucht den Ort bereits zum zwanzigsten Mal. Für Iraker ist Kerbala ein Stolz. «Kerbala hat den Irak geprägt», sagt Historiker Jissam al-Jaidi. Im Gegensatz dazu wirkt Qom, die iranische Gelehrtenstadt, blass. Die Mehrheit der Schiiten folgt Ayatollah Ali al-Sistani und nicht dem iranischen Revolutionsislam. Sistani war gegen den Kriegseintritt seiner Glaubensbrüder. Die «Liga der Rechtschaffenen», die mächtigste Fraktion, setzt auf Diplomatie. Ihr Sprecher Hassan al-Shihani sagt: «Wir stehen an Irans Seite, setzen aber auf Diplomatie.» Chef Kais al-Khazali ist Teil der Regierungskoalition und hat wirtschaftliche Interessen. Die Milizen wirken wie Bauunternehmen mit Sicherheitsapparat. Ein junger schiitischer Arzt beschreibt sie als neue Mafia. Viele junge Iraker lehnen Ideologien ab, auch wenn sie den Angriff auf Iran missbilligen. Fartusi bleibt standhaft: «Solange Amerikaner hier sind, werden wir kämpfen.»