Angesichts des Konflikts im Iran droht Europa mit hoher Inflation bei einer gleichzeitig schwächelnden Wirtschaft. Martin Kocher, Gouverneur der Notenbank und Mitglied des EZB-Rats, diskutierte mit Michael Rasch und Matthias Benz die Reaktionen der EZB und seine Ansichten zu Spritpreisbremsen.
Kocher betont die Ähnlichkeit zwischen seiner Rolle als Geldpolitiker und Marathonläufer: Beide Disziplinen erfordern Ausdauer. Zuletzt absolvierte er den Frankfurt-Marathon im Herbst, was ihm die Stadt näher brachte, obwohl er hauptsächlich in der EZB arbeitet.
Kocher beschreibt seine Erfahrungen im EZB-Rat seit September als sehr zielorientiert und datenbasiert. Er hebt die Expertise des Gremiums hervor und vergleicht es mit EU-Ministertreffen, bei denen oft Stellvertreter teilnehmen.
Im Gegensatz zur Zentralbankpolitik sieht er in der Politik eine Vielzahl von Problemen und begrenzte Ressourcen. Die EZB konzentriere sich klar auf Preisstabilität mit wenigen Instrumenten und umfassender Expertise, während Ministerien breitere Themen abdecken müssen.
Der Iran-Krieg stellt Zentralbanken vor Herausforderungen: Während die Inflation steigt und die Wirtschaft schwächer wird, könnte eine Stagflation drohen. Die wirtschaftliche Erholung in Europa ist gefährdet, aber der Arbeitsmarkt bleibt resilient.
Die EZB reagierte auf den Krieg mit einer Vorsichtsstrategie: Trotz zweimaliger Inflationsanstöße auf 3 Prozent hielt sie die Zinsen im April zurück. Kocher betont, dass die aktuelle Inflationssituation eine andere ist als während der Covid-19-Pandemie.
Höhere Energiepreise könnten Zweitrundeneffekte auslösen, doch bisher gab es in Europa kaum Lohnverhandlungen. Sollte der Konflikt länger dauern und die Preise hoch bleiben, steigt das Risiko solcher Effekte.
Kocher ist überzeugt, dass die EZB bei Bedarf schnell handeln wird. Wichtig sind die Inflationserwartungen: Kurzfristige Anstiege gibt es bereits, mittel- und langfristig jedoch noch keine signifikanten Veränderungen.
Regierungen senken teilweise Steuern auf Benzin und Diesel, um hohe Energiepreise abzufedern. Obwohl dies die Nachfrage hoch halten könnte, reagieren sie auf Druck von Bürgern und Unternehmen mit solchen Maßnahmen.
Die höhere Inflation in Österreich im Vergleich zur Eurozone erklärt Kocher durch Pandemieauswirkungen und eine starke Abhängigkeit von russischem Gas. Strukturelle Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, ebenso wie schnelle Preissteigerungen.
Zum Thema Unabhängigkeit der Notenbanken äußert sich Kocher besorgt über Druckversuche, die Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Er hält es für legitim, wenn Politik Kritik übt, warnt jedoch vor persönlichen Angriffen auf einzelne Mitglieder.
Kocher sieht den EZB-Rat als Modell der Unabhängigkeit und betont die Stärke eines integrierten Binnenmarktes. Er hofft auf eine weitere Vertiefung des Markts trotz gegenwärtiger Herausforderungen.
Zum bevorstehenden Ende der Amtszeit von Christine Lagarde äußert er sich neutral zur Frage eines deutschen Nachfolgers und hebt die Bedeutung von Fachexpertise und Führungskompetenz hervor. Kocher möchte evidenzbasierte Entscheidungen treffen, ohne sich festzulegen.