Die Haltung Deutschlands zur Lage in der Strasse von Hormus gleicht dem eines Kaufmanns, der vom Hafen aus den Sturm beobachtet und behauptet, nichts damit zu tun zu haben, obwohl seine komplette Ladung auf dem Meer treibt. Deutschland engagiert sich nicht im amerikanisch-israelischen Vorgehen gegen den Iran, was als Besonnenheit dargestellt wird, manchmal sogar als moralische Überlegenheit. Während die USA militärische Aktionen durchführen, beschränkt sich Berlin auf Appelle zur Deeskalation. Die Rollen sind klar verteilt. Doch die Strasse von Hormus ist ein zentrales Nervensystem der Weltwirtschaft. Blockierte Tanker oder fliegende Raketen betreffen nicht nur Staaten wie Texas oder Israel, sondern auch deutsche Unternehmen wie BASF und Volkswagen sowie den deutschen Mittelstand, dessen Geschäftsmodell auf bezahlbare Energie und funktionierenden Lieferketten basiert. Daher wirkt die Haltung Deutschlands seltsam weltfremd. Niemand strebt nach einem militärischen Abenteuer an. Doch wenn die Regierung Merz den Anschein erweckt, geopolitisch neutral bleiben zu können, obwohl Deutschland wirtschaftlich eng involviert ist und wichtige Logistikbeiträge wie über Ramstein leistet, dann zeigt das weltfremde Selbstverständnis. Tatsächlich ist Deutschland im Grunde Teil des Konflikts, nur mit dem Wunsch, unsichtbar zu bleiben. Deutschland könnte jedoch eine andere Rolle spielen. Mit seinen traditionell besseren Beziehungen zum Iran hätte Berlin mehr Einfluss als fast jeder andere westliche Staat. Anders als die USA oder das britische Empire hat Deutschland lange den Ruf eines nüchternen und verlässlichen Partners in Teheran genossen. Deutsche Technik, Diplomatie und Ingenieure hatten über Jahrzehnte hinweg Gewicht. Deshalb könnte deutsche Diplomatie mehr sein als nur ein europäisches Räuspern zur Deeskalation. Berlin hat die Möglichkeit zu vermitteln – nicht als moralischer Lehrmeister, sondern als einer der wenigen westlichen Akteure, denen Teheran noch Gehör schenkt.