Bitcoin weist überraschende Ähnlichkeiten mit religiösen Bewegungen auf, insbesondere durch seinen mysteriösen Gründer Satoshi Nakamoto. Dieses Jahr wurden zwei umfangreiche Recherchen über seine Identität veröffentlicht. Die Entwicklung von Bitcoin stellt eine technische Meisterleistung dar: Als digitale Währung ist sie vor Hackerangriffen mit moderner Technologie geschützt und kann nur einmal ausgegeben werden, was ihre Sicherheit im Internet gewährleistet. Trotz eines Kurseinbruchs seit Oktober beträgt die Marktkapitalisierung von Bitcoin rund 1,6 Billionen Dollar. Wie traditionelle Währungen funktioniert auch eine Kryptowährung nur dann langfristig, wenn breite Bevölkerungsschichten an ihren Wert glauben. Doch im Gegensatz zu Fiatgeld wie Franken oder Euro hat Bitcoin keinen inneren Wert. Historisch gesehen wurden diese Währungen ohne Golddeckung akzeptiert, nachdem sich die Menschen bereits daran gewöhnt hatten. Bitcoin ist ein Paradebeispiel dafür, eine neue, wertlose Währung erfolgreich etabliert zu haben. Es hat den Glauben an einen rein virtuellen Coin geschaffen – vergleichbar mit der Etablierung einer neuen Religion. Bitcoin ist doppelt virtuell: es existiert physisch nicht und gibt keine Personen oder Organisationen zur Verantwortung, falls etwas schiefgeht. Doch warum vertrauen Menschen auf eine Software ohne Herstellergarantie? Wie konnte sich Bitcoin durchsetzen und wird von führenden Banken wie JP Morgan und Goldman Sachs in Produkte integriert? Der unerschütterliche Glaube der ersten Anhänger spielte dabei eine zentrale Rolle. Satoshi Nakamoto, als Erlöserfigur vergleichbar mit Prometheus, hat Bitcoin ins Leben gerufen und sich dann zurückgezogen, ohne seine wertvollen Bitcoins zu nutzen. Das Interesse an dieser mysteriösen Figur ist groß. Zwei Recherchen wurden in diesem Jahr veröffentlicht, die versuchen, Nakamoto zu identifizieren. Der Dokumentarfilm „Finding Satoshi“ spekuliert über zwei verstorbene Personen als mögliche Gründer, während eine Studie der „New York Times“ eine andere Person benennt. Doch belastbare Beweise lassen sich nicht erbringen. Nakamoto bleibt eine Projektionsfläche für unverfälschte Ideale. Sein Bitcoin-Whitepaper, die heilige Schrift der Kryptowährung, beschreibt die Funktionsweise von Bitcoin als Lösung eines langjährigen Informatikproblems. Vor Nakamoto hatten Cypherpunks wie Hal Finney und Wei Dai bereits an digitalen Währungen gearbeitet. Die zentrale Überzeugung der Cypherpunks ist, dass menschliche Institutionen nicht vertrauenswürdig sind. Sie sehen in unbestechlicher Mathematik die Erlösung von staatlichen Kontrollen und glauben: „In Code We Trust“, im Gegensatz zu „In God We Trust“. Für die ersten Bitcoin-Anhänger war es kein Spekulationsobjekt, sondern ein Mittel im Kampf gegen das Establishment. Die Geschichte der Kryptowährung ist geprägt von Abspaltungen und Glaubenskriegen innerhalb der Community. „Bitcoin-Maximalisten“ betrachten andere Kryptowährungen oft als unwürdig. Der innere Kern der Bitcoin-Gemeinschaft demonstriert seine Überzeugungen durch Dogmen wie „Hodl“, das eiserne Halten von Bitcoin trotz Preisschwankungen, und die Devise: „Not your keys, not your coins“ – nur wer Bitcoins selbst verwaltet, ist ihr Eigentümer. Bitcoin-Verfechter glauben an eine apokalyptische Zukunft des Geldsystems. Obwohl ihre Vorstellungen radikal erscheinen, weisen sie auf reale Probleme hin: Die Inflation und die zunehmende Schuldenlast der Staaten sind wachsende Sorgen. Die Bitcoin-Community hat sich zu einer Untergrundkirche entwickelt, doch das Potenzial besteht, zum Volksglauben zu werden. Heutzutage spricht Bitcoin unterschiedlichste Menschen an: Nerds, Libertäre und Spekulanten ebenso wie normale Investoren. Um endgültig durchzubrechen, muss die Bitcoin-Entwicklergemeinde ihr Protokoll gegen Quantencomputer absichern. Im Vergleich zu Gold bietet Bitcoin Vorteile als digitaler Vermögenswert: es ist einfacher handelbar und kostengünstiger im Umgang. Sollten digitale Nachkommen ihre beträchtlichen Erbschaften zunehmend in Bitcoin investieren, könnte der Preis massiv steigen – eine selbst erfüllende Prophezeiung.