Die europäische Rüstungsindustrie erlebt derzeit einen Aufschwung, da die Aktienkurse von Unternehmen in diesem Sektor stark steigen. Vormals als Schmuddelkinder des Industriesektors geltend, sind Waffenhersteller infolge der Reaktionen auf den Ukraine-Krieg zu bevorzugten Investitionszielen geworden, selbst für ESG-Investitionen.
Das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (Sipri) hat berichtet, dass die weltweiten Militärausgaben 2025 voraussichtlich auf einen Rekordwert von 2887 Milliarden US-Dollar steigen werden. Besonders hervorzuheben ist der bedeutende Zuwachs in Europa im vergangenen Jahr, bedingt durch den russischen Angriff auf die Ukraine.
Die Auftragsbücher der Rüstungsunternehmen sind gut gefüllt, was sich auch an den Börsenkursen der zehn größten europäischen Rüstungsfirmen zeigt. Neun dieser Firmen sind börsennotiert, mit Rolls-Royce aus Großbritannien und Rheinmetall aus Deutschland an der Spitze, die in vier Jahren einen Kursanstieg von über 1000 Prozent verzeichnet haben.
In den letzten Jahren ist ein Anstieg nachhaltiger Investitionen in die Rüstungsindustrie zu beobachten. Einst waren solche Investitionen für Produkte wie Waffen und Kohle ausgeschlossen, doch nun werden die Nachhaltigkeitskriterien gelockert. Drei Hauptakteure tragen dazu bei: die Rüstungsunternehmen und ihre Verbände, die EU-Kommission sowie die Finanzbranche.
Der europäische Verband der Rüstungsindustrie betonte im Oktober 2021 den besonderen Beitrag ihrer Produkte zur Nachhaltigkeit. Sie verweisen auf das Ziel 16 der UN-Nachhaltigkeitsziele, welches Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen umfasst.
Rüstungsunternehmen bemühen sich, ein positives Image als ökologisch, sozial und ethisch verantwortliche Branche aufzubauen. Rheinmetall, die größte deutsche Rüstungsfirma, strebt bis 2035 die CO2-Neutralität an, während MBDA ein ESG-Komitee eingerichtet hat. Rolls-Royce will das Netto-Null-Ziel bis spätestens 2050 erreichen.
Ein weiterer wichtiger Akteur ist die EU-Kommission, die im Oktober 2023 den Zugang zu Finanzmitteln für strategische Sektoren wie der Verteidigungsindustrie sicherstellen will. Auch die Finanzbranche zeigt großes Interesse an Investitionen in die Rüstungsindustrie.
Im Jahr 2024 änderte der deutsche Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) seine Regeln für nachhaltige Finanzprodukte, um geopolitische Veränderungen zu berücksichtigen. Nun sind nur noch Investitionen in völkerrechtlich verbotene Waffen untersagt.
Nicht nur etablierte Rüstungsfirmen, sondern auch Startups und andere Unternehmen wie Automobilkonzerne sehen Potenzial in der Branche. So plant Renault die Produktion von Militärdrohnen.
Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie sind begehrt, da sie gute Bezahlung und sichere Zukunft bieten. Gewerkschaften setzen nun verstärkt auf den Rüstungssektor, nachdem er als ökologisch, sozial und ethisch unbedenklich umdefiniert wurde.
Herbert Wulf ist emeritierter Professor für Friedens- und Konfliktforschung. Er leitete das Bonn International Center for Conflict Studies (BICC) und arbeitete am Stockholm International Peace Research Institute (Sipri).