Das Erlernen einer neuen Sprache könnte bald einfacher werden, was einst utopisches Bildungsziel nun greifbar macht. Im Jahr 2028 sitzt Joshua, 15 Jahre alt, vor dem Französischunterricht und setzt seine VR-Brille auf. Plötzlich findet er sich nicht mehr zu Hause, sondern an der französischen Atlantikküste wieder, wo er an einem Surfkurs in der Zielsprache teilnimmt. Er hört die Sprache in einer angepassten Sprechgeschwindigkeit und trainiert seine Aussprache mithilfe eines Voice-Cloning-Verfahrens, das auf seine Stimme abgestimmt ist. Sein Avatar-Lehrer Alphonse bietet sofortiges Feedback. Der Unterricht passt sich seinen Interessen, seinem Lerntempo und seiner Aufmerksamkeit an – nicht einem starren Plan. Diese futuristische Vorstellung spiegelt die Möglichkeiten wider, die neue KI-Systeme bieten: Sie integrieren alle sechs Modalitäten (Text, Bild, Video, Audio, 3-D, Robotik) in einem hohen Grad an Interaktivität und passen sich flexibel den Wünschen des Nutzers an. Diese Entwicklungen werfen die Frage auf, ob schulischer Fremdsprachenunterricht im Zeitalter der KI überhaupt noch notwendig ist. Künstliche Intelligenz unterstützt bereits zentrale Aufgaben im Sprachlernen und kann bald effizienter als traditionelle Methoden agieren. Wortschatzaufbau, Aussprache, Grammatik, Textproduktion und Rückmeldungen lassen sich individualisiert gestalten. Kritik an Fehlern der KI berücksichtigt oft nicht die tatsächlichen Fehlerkosten im Vergleich zu herkömmlichem Unterricht. Sprachkenntnisse wurden lange als wertvoller Arbeitsmarkt-Vorteil angesehen, doch mit der KI verliert diese Annahme an Plausibilität. Der Fremdsprachenunterricht wird dadurch nicht obsolet, sondern von einer rein funktionalen zu einer bildenden Rolle transformiert. Die eigentliche Veränderung liegt in der Erosion eines bisherigen Begründungsmodells. Wird Sprache nicht mehr primär als funktionales Werkzeug benötigt und ihre routinierte Beherrschung delegierbar, so muss ihr Beitrag zur Welt- und Selbsterschließung im schulischen Kontext neu begründet werden. Hierbei gewinnt der humboldtsche Bildungsbegriff an Relevanz: Er betont kreatives, flexibles und kritisches Denken. Die KI beschleunigt den Spracherwerb und ermöglicht so Durchschnittsschülern tiefere Einblicke in andere Sprachwelten. Der Fremdsprachenunterricht kehrt zu einer Bildungsrolle zurück – vergleichbar mit Fächern wie Philosophie oder Kunst. Dies eröffnet neue Möglichkeiten für die Gestaltung des Unterrichts, insbesondere durch KI-gestütztes Lernen. Der Fremdsprachenunterricht spiegelt eine breitere Krise im Bildungssystem wider: Entweder bleibt es bei reiner Kompetenzvermittlung oder entwickelt sich hin zu umfassender Bildung im humboldtschen Sinne. Die KI-Integration ist kein Rückzug, sondern ein Fortschritt im Bildungsansatz.