Der Iran-Krieg unterstreicht vier Jahre nach dem Angriff auf die Ukraine Europas strategische Schwäche: Es produziert zu wenig eigene Energie. Das führt zu gefährlichen Abhängigkeiten und ist klimapolitisch ineffektiv.
Die Auswirkungen des Konflikts breiten sich wie ein Tsunami aus, getragen durch die Schifffahrtsrouten der Erdöl- und Flüssiggastanker, die seit über einem Monat wegen der Blockade in der Straße von Hormuz lahmgelegt sind. Selbst wenn der Konflikt bald beigelegt wird, ist klar: Die militärischen Aktionen Israels und der USA gegen den Iran werden weltweit Inflation verursachen und das Wirtschaftswachstum drosseln. Der Großhandelspreis für Erdgas in Europa liegt im Rest des Jahres um 50 Prozent höher als vor dem Konflikt, Benzin ist durchschnittlich 12 Prozent teurer geworden, Diesel sogar um 26 Prozent. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert eine weltweite Wachstumsabschwächung von bis zu 0,3 Prozent.
Viele sehen die Lösung in der Elektrifizierung durch erneuerbare Energien, um das fossile Zeitalter samt seiner Krisen hinter sich zu lassen. Diese Strategie ist korrekt, aber aktuell noch Utopie. Obwohl Wind- und Solarenergie 2025 einen Rekordanteil von 30 Prozent am europäischen Strommix erreichten, sind fossile Brennstoffe unverzichtbar. Im Jahr 2024 deckten erneuerbare Energien nur 20 Prozent des Energiebedarfs ab, während Erdöl 38 Prozent, Erdgas 21 Prozent und Kohle 10 Prozent beisteuerten. Europa muss weiterhin 57 Prozent seines Energiebedarfs importieren.
Eine rasche Abkehr von fossilen Brennstoffen ist unrealistisch: In Großbritannien heizen noch drei Viertel der Haushalte mit Gas, und Deutschland wird bis 2038 Kohle zur Stromerzeugung nutzen. Um Schwankungen bei Wind- und Solarenergie auszugleichen, plant Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche den Bau neuer Gaskraftwerke mit einer Leistung von mindestens 11 Gigawatt.
Trotz Verpflichtungen im Rahmen der Uno-Klimaverträge steht Europa weit vom Ziel entfernt, bis 2050 klimaneutral zu sein. Die Erderwärmung hat bereits 1,5 Grad erreicht, eine Marke, die laut Paris-Abkommen von 2015 nicht überschritten werden sollte. Der Westen muss seinen historischen Beitrag zur globalen Erwärmung durch vorbildlichen Klimaschutz kompensieren.
Die USA unter Trump haben sich aus klimapolitischen Verpflichtungen zurückgezogen und fördern die Erdgas- und Ölindustrie. In Europa ist der politische Wille zur Klimaneutralität fraglich. Trotz Gesetzen zeigt das Konsumverhalten wenig Engagement für den Umweltschutz.
Politische Rückschläge, wie die Abschwächung strenger Vorgaben in Deutschland und Steuersenkungen auf Treibstoffe in Italien, schwächen Anreize zum Umstieg auf Elektrofahrzeuge. Die europäische Energiepolitik sollte realistischer werden: Der Fokus muss auf Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit liegen.
Die steigende Stromnachfrage in Europa erfordert mehr als nur Erneuerbare, da Speichermöglichkeiten fehlen. Die USA decken ihren Bedarf hingegen klimafreundlicher mit Erdgas ab. Europas hohe Energiepreise vertreiben Industrien ins Ausland, was dem Klima schadet.
Europa muss auf seiner Klimawende beharren, aber wirtschaftliche Realitäten berücksichtigen. Ein pragmatischerer Ansatz ist notwendig, um den Backlash zu verhindern und die Leidensfähigkeit von Verbrauchern und Unternehmen nicht zu überschreiten.