In Deutschland und der Schweiz verzeichnen die katholische Kirchen hohe Austrittsraten. Dennoch erleben sie einen Zuwachs, vor allem in Frankreich und den USA, wo so viele Menschen wie nie zuvor getauft werden. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da Sigmund Freud einst Religion als überholte Zwangsneurose bezeichnete. Doch gegen seine Prognosen sind die Weltreligionen, insbesondere das Christentum mit 2,3 Milliarden Anhängern und einem rapiden Wachstum, weiterhin lebendig. Die katholische Kirche verzeichnet einen bemerkenswerten Aufschwung nicht nur in traditionell starken Regionen wie Afrika und Südostasien, sondern auch in den USA und Europa. In Detroit gab es beispielsweise einen Rekord mit fast 1500 Neuzugängen allein dieses Frühjahr. Auch Frankreich erlebt eine Verdopplung der Taufen bei Erwachsenen, wobei mehr als 14.000 Erwachsene und über 8000 Jugendliche sich taufen liessen. Trotz dieser Zahlen bleiben Bischöfe und Priester verwundert und gründeten das Observatoire du Catholicisme zur Untersuchung dieses Trends. Manche relativieren den Boom, indem sie darauf hinweisen, dass die Zahl der Kindertaufen zurückgeht. Doch junge Menschen aus nicht-religiösen Familien zeigen ein wachsendes Interesse an der Kirche. In den USA besuchen Mitglieder der Generation Z öfter als Babyboomer die Gottesdienste. In Deutschland und der Schweiz sehen die Zahlen anders aus: Die hohen Austritte überwiegen die Neuzugänge, trotz einer steigenden Anfrage nach Taufen. Hier werden Kirchenaustritte oft durch Missbrauchsskandale oder hohe Kirchensteuern begründet, während Neueintritte häufig auf das Bedürfnis nach festen Werten und Gemeinschaft zurückzuführen sind. Es zeigt sich, dass vor allem traditionell orientierte katholische Kirchen in Ländern mit getrennten Staat und Kirche (wie Frankreich und den USA) wachsen. Diese pflegen eine Nähe zu Rom und meiden Reformen wie das Frauenpriestertum oder die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Im Gegensatz dazu stehen Deutschland und die Schweiz, wo die katholische Kirche sich stärker durch Widerstand gegen Rom definiert. Die deutsche katholische Kirche arbeitet unter dem Titel „Synodaler Weg“ an umfassenden Reformen, was zu Spannungen mit dem Vatikan führte. Papst Franziskus betonte, dass Deutschland bereits eine starke evangelische Kirche habe und keine zweite brauche. Die deutschen Bischöfe versuchten damit auf die Krise nach den Missbrauchsskandalen zu reagieren, doch der Mitgliederschwund hält an. Die konservativen Strömungen innerhalb der katholischen Kirche scheinen jedoch attraktiver, da sie sich nicht dem Zeitgeist beugen. Die Kirchenstärke liegt in ihrer Glaubwürdigkeit durch die Orientierung an überdauernden Werten und nicht durch Anbiederung. Das Christentum bietet in Zeiten von Unsicherheit und emotionaler Kälte eine solide Grundlage. Die katholische Kirche, als zweitausendjährige Institution, stellt mit ihrer Unbeirrbarkeit einen Halt dar, der selbst den Mächtigsten entgegentritt. Ihre feste Haltung zu Dogmen bietet jungen Menschen in westlichen Gesellschaften eine Orientierung, die über modische Entwicklungen hinausreicht. Dieses Phänomen ist mehr als nur ein Trend; es zeigt die Stärke der Kirche in ihrer Unzeitgemäßheit.