Der Prozessbeginn gegen Atef Najib, einen Cousin von Bashar al-Asad und ehemaligen Chef der Geheimpolizei, gilt als bedeutender Schritt zur Stabilisierung Syriens. Dieser historische Moment im Damaszener Justizpalast zeigt die Absicht der neuen Regierung unter Präsident Ahmed al-Sharaa, die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen in Angriff zu nehmen.
Najib, einst in Südsyrien für seine brutale Unterdrückung bekannt, wird beschuldigt, Jugendliche im Jahr 2011 verhaftet und gefoltert zu haben. Seine Verurteilungen werden als Symbol der Bestrafung des alten Regimes gesehen, da sie die Verbrechen gegen eine gläubige Gesellschaft offenlegen.
Trotz dieses symbolischen Schrittes bleibt die Aufarbeitung unvollständig: Eine Kommission unter Führung von Abdel Basit Abdellatif, einem ehemaligen Oppositionspolitiker mit begrenzter juristischer Erfahrung, konzentriert sich nur auf Verbrechen des Asad-Regimes während des Bürgerkriegs. Andere Gräueltaten, etwa durch Mitglieder des Islamischen Staats oder die Miliz Hayat Tahrir al-Sham, werden nicht verfolgt.
Kritiker warnen, dass der Prozess allein keine dauerhafte Stabilität bringen kann, wenn er dort endet. Die selektive Verfolgung von Kriegsverbrechen könne neue Konflikte schüren. Zudem sind wirtschaftliche Probleme und Proteste gegen steigende Preise ein weiteres Problem für das Land.
Lars Hauch betont, dass die aktuelle Strategie der Aufarbeitung Parallelen zu den Nürnberger Prozessen aufweist, indem sie sich auf einige wenige Fälle konzentriert und danach den Wiederaufbau in den Vordergrund rückt. Die Regierung von Ahmed al-Sharaa steht vor der Herausforderung, die prekäre Lage des Landes zu stabilisieren.