Trotz des Anstiegs der Energiepreise, die die Inflationsrate erhöht haben, hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) dazu entschieden, ihre Leitzinsen unverändert bei zwei Prozent zu belassen. Diese Entscheidung wurde trotz wachsender Risiken und einer deutlichen Abweichung von der angestrebten Inflationsrate getroffen.
Kurz vor der Zentralratsitzung der EZB veröffentlichte das Europäische Statistikamt eine Schätzung, die den Preisauftrieb in der Eurozone für April auf drei Prozent ansteigen lässt. Dies markiert einen signifikanten Unterschied zum Zielwert von zwei Prozent und stellt eine Weiterentwicklung des März-Wertes von 2,6 Prozent dar. So hoch war die Inflationsrate zuletzt im Juli 2024, während ein Wert über drei Prozent erstmals seit dem Herbst 2023 erreicht wurde.
Damals erhöhte die EZB den Einlagensatz auf das historische Rekordhoch von vier Prozent. Heute liegt der Satz nur noch halb so hoch. Die Notenbank kündigte an, dass vorerst keine Zinserhöhung geplant ist, obwohl einige Beobachter eine Anhebung bei der nächsten Sitzung im Juni erwarten. Analysten prognostizieren, dass die Zinsen bis Ende des Jahres auf 2,5 Prozent steigen könnten.
Bis zur Juni-Sitzung soll sich die Datenlage weiter klären. Nach dem Treffen im März erklärte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, dass sie handeln werde, sollte es notwendig sein. Die Inflation, derzeit von Energiepreisen getrieben, könnte auf breitere Wirtschaftsbereiche übergreifen, was eine Zinsanpassung rechtfertigen würde.
Die Energiekosten stiegen in der Eurozone im März um 5,1 Prozent und im April sogar um 10,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bis zum Ausbruch des Konflikts um den Iran Anfang Februar waren sie jedoch deutlich gesunken. Andere wichtige Güterkategorien blieben von diesen Preissteigerungen unberührt; lediglich Lebensmittel wie Obst und Eier zeigten einen spürbaren Preisanstieg.
In Deutschland lag die Inflationsrate im April laut einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes bei 2,9 Prozent, getrieben vor allem durch höhere Energiekosten. Die Kerninflation zeigt hingegen einen leichten Rückgang an.
Laut einer Analyse der Deutschen Bank könnte ein anhaltender Preisanstieg bei Energieträgern zu steigenden Inflationsraten in anderen Bereichen führen. Erste Anzeichen für eine breitere Preiserhöhung sind bereits erkennbar, wie eine Untersuchung des ifo-Instituts zeigt.
Die EZB steht möglicherweise vor der Herausforderung, höhere Zinsen einzuführen, was die angeschlagene Konjunktur weiter belasten könnte. Um dies zu vermeiden, entscheidet sie sich zunächst für eine vorsichtige Strategie.