In einem jüdisch geprägten Londoner Stadtteil hat ein Messerangriff die Bevölkerung erschüttert und Kritik an der Unfähigkeit von Polizei und Regierung, eine Serie solcher Gewalttaten zu verhindern, entfacht. Britische Premierminister Keir Starmer sprach am Donnerstag im Viertel Golders Green über die Angst unter jüdischen Bürgern, offen ihre Identität zu zeigen. «Jüdische Bürger haben Angst, wer sie sind», erklärte er und fügte hinzu: «Die ständige Angst verwandelt sich in Terror. Wir alle müssen uns dem Leid der jüdischen Gemeinschaft stellen.» Starmer kündigte härtere Strafen für Gewaltprediger an, die provokante Parolen wie «Globalisierte Intifada» skandieren. Er betonte den dramatischen Charakter seiner Rede und erklärte, dass man die antisemitischen Taten nicht mehr als isolierte Vorkommnisse betrachten könne, sondern sie als Symptom einer tieferen Krise verstehen müsse.
In der Politik herrscht weitgehend Einigkeit über die Verurteilung dieser Angriffe. Konservative fordern stärkere Polizeipräsenz und restriktivere Migrationskontrollen, während Linke den globalen Kontext sowie Konflikte in Iran und Gaza betonen. Starmer scheint erkannt zu haben, dass die bisherige Reaktion der Regierung auf die Angriffe als unzureichend empfunden wird.
Der Vorfall vom Mittwoch, bei dem ein Mann im Alter von 76 und 34 Jahren durch Messerstiche verletzt wurde, könnte zu einem Weckruf werden. Die Polizei erklärte den Angriff sofort zum terroristischen Akt. Der Festgenommene ist ein 45-jähriger Somalier, der als Kind nach Großbritannien kam und seit Jahren radikalisiert gewesen sein soll. Er war dem Anti-Terrorismus-Programm «Prevent» zugewiesen worden, wurde jedoch bald wieder entlassen.
Diese Tat ist Teil einer Serie von Angriffen auf jüdische Bürger und Einrichtungen, die seit dem Iran-Krieg zunahmen. Jonathan Hall, der unabhängige Prüfer für Terrorismus- und Sicherheitsgesetzgebung, beschrieb die aktuelle Welle des Antisemitismus als den größten nationalen Notstand seit der Corona-Pandemie. Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu forderte von der britischen Regierung Maßnahmen zum Schutz der jüdischen Bevölkerung.
Zudem wächst die Wut in der Bevölkerung über die vermeintliche Ohnmacht der Regierung, solche Angriffe zu stoppen. Londoner Polizeichef Mark Rowley musste bei einer Pressekonferenz im Ort des Geschehens Buhrufe ertragen, und einige forderten seinen Rücktritt.
Am Mittwochabend versammelten sich Demonstranten in Golders Green, schwenkten britische und israelische Flaggen und riefen gegen den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan. Unter den Rednern waren auch Vertreter der Partei Reform UK.
Als Premierminister Starmer am Tatort eintraf, wurden er und seine Begleiter mit Parolen wie «Verräter» oder «Jew Harmer» beschimpft.
Innenministerin Shabana Mahmood nannte die Angriffe das dringlichste Sicherheitsproblem. Zusätzliche 26 Millionen Franken sollen den Schutz der jüdischen Gemeinschaft verbessern, indem Polizeipräsenz erhöht wird und Ursachen von Extremismus bekämpft werden.
Die proiranische Gruppe Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia (Hayi) reklamierte den Angriff für sich. Am Dienstag hatte die britische Regierung daraufhin den iranischen Botschafter einbestellt, nachdem dessen Mission Landsleute zu einer «proiranischen Kampagne» aufgerufen hatte.