Viele junge Leute in der italienischsprachigen Schweiz zögern, wenn sie einen Anruf erwarten. Stattdessen bevorzugen sie es oft, eine Nachricht zu erhalten und dann zu reagieren. Das Radio- und Fernsehsender RSI hat dieses Phänomen untersucht und Jugendliche befragt.
Die Antworten waren bemerkenswert einheitlich: Telefonate werden von vielen als stressig empfunden. Demgegenüber scheinen Nachrichten oder Sprachnachrichten weniger belastend zu sein, da sie den Empfängern Zeit zur Überlegung geben. Eine Befragte erklärte: «Bei einer Nachricht kann ich überlegen, wie ich antworte, während ein Anruf sofortige Reaktion verlangt.» Ein anderer junger Mensch empfindet Telefonieren als zusätzliche mentale Belastung und bevorzugt es, das Gerät stumm zu schalten, bis er eine Nachricht erhält.
Lorenzo Cantoni von der Universität der italienischen Schweiz (USI) betont, dass Kommunikation mehr umfasst als nur das Verfassen einer Nachricht. «Kommunikation entsteht erst im Dialog, wenn jemand zuhört und reagiert», sagt er. Diese Dimension verliere man, wenn man sie auf isolierte Ausdrucksakte reduziert.
Ältere Generationen äußern Bedenken hinsichtlich der Kommunikationsfähigkeiten junger Menschen. Eine Rentnerin bemängelt: «Nur Bildschirme – das Gespräch fehlt.» Ein anderer Senior appelliert: «Wenn ihr etwas zu sagen habt, ruft einfach an!»
Cantoni meint, dass solche Fähigkeiten nicht angeboren seien, sondern durch Übung erworben werden, z.B. in der Familie. Wenn Kommunikation primär über Sprachnachrichten abläuft, fehle oft die Gelegenheit zur Anpassung an den Gesprächspartner.
Sebastiano Caroni sieht hierin eine gesellschaftliche Herausforderung: In der virtuellen Welt finden sich viele in bequemen Blasen wieder, in denen Unvorhersehbares vermieden wird. Dieser Schutzmechanismus kann jedoch langfristig die Entwicklung von Empathie und Konfliktfähigkeit beeinträchtigen.
Quelle: RSI, «Il Quotidiano», 29.4.2026, 19 Uhr