Beim Verlassen des Bahnhofs in Machynlleth, einem Dorf im walisischen Hinterland, fällt ein kleiner Gemüsegarten ins Auge. Auf einem Schild steht auf Walisisch: «Mae Gwirfoddolwyr Edible Mach Wedi Tyfu’r Bwyd Yma I Chi Ei Fwyta!», was bedeutet, dass Freiwillige den Garten angelegt haben und jeder bedienen darf.
Die Initiative spiegelt die Präsenz der walisischen Sprache in der Gemeinde wider sowie deren Engagement für Traditionen, Natur und Landwirtschaft. Trotz lediglich 2000 Einwohnern bietet Machynlleth fünf Buchhandlungen, eine Bibliothek, zwei Museen, einen Jugendklub, mehrere Restaurants, Cafés, Pubs, unterschiedliche Geschäfte, ein Unesco-Biosphärenreservat, ein Sportzentrum, einen Wochenmarkt und ein Spital.
Die Einwohner zeigen Stolz auf ihre Kultur und Engagement für die Gemeinde. Dies steht im Gegensatz zu den vielen verfallenen Ortschaften in England. Obwohl junge Menschen auch hier zur Stadt ziehen, kehren viele zurück oder zieht es neue Bewohner an.
Heledd Wyn, Fotografin und Filmemacherin, leitet das lokale Kunstmuseum Moma. Sie zog während der Pandemie nach Machynlleth, um ihre Mutter zu besuchen, fühlte sich angezogen von der Umgebung und beschloss vor fünf Jahren zu bleiben.
Wyn betont die historische Bedeutung des Marktes in Machynlleth, der seit 800 Jahren stattfindet. Als Beispiel für das walisische Anderssein erwähnt sie Dwynwen, die Schutzpatronin der Liebe, deren Gedenktag am 25. Januar gefeiert wird.
Sie erzählt auch von Owain Glyndwr, einem walisischen Unabhängigkeitshelden des 15. Jahrhunderts, dessen Museum in Machynlleth gewidmet ist. Der Ort zeigt ein Zusammenleben von Tradition und Moderne: historischer Kern, Chöre mit keltischen Instrumenten, das Centre for Alternative Technology, Comedy-Festival sowie eine moderne Kunstszene.
Wyn verweist auf die Flexibilität zwischen Tradition und Neuerfindung in der walisischen Kunst, beeinflusst durch die Zweisprachigkeit. In London würden sich Menschen hingegen meist innerhalb einer sozialen Schicht bewegen.
Politologieprofessorin Laura McAllister von der Cardiff University zeigt auf, dass kulturelle Identität in Wales eng mit politischer Orientierung verknüpft ist: Waliser, die sich als solche identifizieren, wählen häufig Plaid Cymru. Diese Partei hat in den letzten Jahren starken Zulauf erfahren und wird bei der bevorstehenden Wahl voraussichtlich eine Allianz eingehen.
Die Bedeutung der walisischen Sprache ist zentral für den Nationalismus, die sich seit den 1960er-Jahren intensiv wiederbelebt hat. Heute sprechen rund ein Drittel der Waliser Walisisch, und es wird Wert auf Mehrsprachigkeit gelegt.
Die Musikszene zeigt ebenfalls eine Verbindung von Lokalem und Globalem, wie Liam Rickard, Sänger und als Worldwide Welshman bekannt, betont. Auch in der Fotografie hat sich das Interesse an walisischen Themen erhöht, so der Kurator Will Troughton.
Rhidian Glyn verkörpert die moderne walisische Landwirtschaft durch seinen modernen Milchviehbetrieb und ist zugleich traditionsbewusst.
Die Bewegung Yes Cymru setzt sich für Unabhängigkeit ein. Ihr Vorsitzender Phyl Griffiths beklagt, dass Wales trotz relativer Armut benachteiligt wird und fordert mehr Unabhängigkeit von London.
Während eine Minderheit über die Folgen der nationalen Unabhängigkeit nachdenkt, sind verletzter Stolz und Entfremdung gegenüber England weit verbreitet. Wales steht vor einer möglichen politischen und wirtschaftlichen Neuorientierung.