Für den Siegestag am 9. Mai kündigt Russland eine Kampfpause an, während die Ukraine bereits ab dem 5. Mai einen Waffenstillstand vorschlägt. Diese unterschiedlichen Termine bringen Präsident Wolodimir Selenski von der Ukraine in eine strategische Position gegenüber Wladimir Putin aus Russland. Moskau gab am Montag bekannt, dass es für den 8. und 9. Mai einen einseitigen Waffenstillstand verhängt hat, mit der Erwartung, dass die Ukraine dem folgen werde. In der Ukraine sind Feierlichkeiten zum 81. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland geplant.
Kurz darauf erklärte Selenski, dass Kiew bereits ab Mitternacht am 5. Mai in eine Waffenruhe eintreten wird, obwohl keine offizielle Anfrage von Moskau vorlag. Die Ukraine werde nur dann reagieren, wenn Russland ebenfalls auf Angriffe verzichte. Sollten russische Streitkräfte ihre Offensive fortsetzen, ist sich Kiew nicht an die Waffenruhe gebunden.
Dieser Schachzug zwingt Putin unter Druck, da er ein starkes Interesse daran hat, den Siegestag ohne Unterbrechungen zu feiern. Die Feierlichkeiten dienen als wichtige Plattform für russische Propaganda. In der Ukraine wird zwar auch am 8. Mai des Sieges gedacht, allerdings mit weniger Prunk.
Angesichts vermehrter Drohnenangriffe im russischen Hinterland befürchtet der Kreml Störungen während der Feierlichkeiten. Als Reaktion werden keine Militärfahrzeuge bei der Parade in Moskau präsentiert, da die Flugabwehr nicht ausreichend gerüstet ist.
Russland droht mit einem massiven Raketenangriff auf Kiew, sollte es zu Störungen kommen. Spekulationen über Putins Sicherheitsbedenken durch mögliche Anschläge halten sich in den Medien.
Die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs auf Putin während der Parade ist gering; beide Seiten haben bisher von direkten Angriffen auf den jeweiligen Präsidenten abgesehen. Die Auswirkungen einer solchen Aktion wären unvorhersehbar.
Trotzdem bleibt die Wirkung früherer und nun erneuter Kampfpausen begrenzt. Sie beeinflussen den Kriegsverlauf kaum, da Verstöße an der Front häufig vorkommen. Drohnenangriffe auf zivile Ziele nehmen nach einer Pause oft zu.
Seit Montag wurden in der Ukraine neunzehn Zivilisten durch russische Angriffe getötet, hunderte verletzt. In Poltawa fand ein Double-Tap-Angriff auf eine Gasanlage statt, was die Brutalität der Vorgehensweise unterstreicht. Selenski bezeichnete den russischen Waffenstillstandsvorschlag als zynisch und fordert einen sofortigen Stopp aller Angriffe.