Die Longevity-Bewegung hat sich vom Randthema zum Lifestyle-Trend entwickelt, mit dem Ziel eines möglichst langen, gesunden Lebens durch Mittel wie Nahrungsergänzungsmittel, strikte Diäten, intensiven Sport oder digitale Selbstvermessung. In dieser Entwicklung wird das Altern als beeinflussbar und lösbares Problem angesehen. Pasqualina Perrig-Chiello hält jedoch fest, dass das Alter einen besseren Ruf verdient und betont die besondere Altersdiskriminierung von Frauen.
Pasqualina Perrig-Chiello ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern sowie Psychotherapeutin und Autorin. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Themen wie Einsamkeit, sozialen Beziehungen und Wohlbefinden in herausfordernden Lebensphasen.
Im Gespräch mit SRF erläuterte sie, dass die Longevity-Bewegung zwischen dem im Pass verzeichneten Alter, dem biologischen Alter basierend auf zellulären und organischen Messungen und dem subjektiven oder gefühlten Alter unterscheidet. “Darüber hinaus gibt es das gesellschaftliche Alter”, fügt sie hinzu. “Ab 65 Jahren wird man plötzlich als ‘alt’ angesehen.” Sie merkt an, dass auch der Pass-Alter sehr unterschiedlich sein kann: Ein 60-Jähriger kann fit wie ein 45-Jähriger oder hochbetagt wie ein 80-Jähriger wirken. Alter sei daher kein guter Indikator für Fähigkeit und Leistungsfähigkeit und solle nicht überbewertet werden. Menschen sind mehr als nur ihre Alterskategorie; Persönlichkeit, soziale Zugehörigkeit oder Geschlecht spielen ebenfalls eine Rolle.
Sie verweist auf Susan Sontag, die von zwei unterschiedlichen Normen des Alterns für Frauen und Männer sprach. “Die Diskriminierung ist oft unauffällig, viele Frauen bemerken sie gar nicht”, sagt Perrig-Chiello. Aussagen wie “Sie haben noch Aufträge” oder “für Ihr Alter sehen Sie aber noch gut aus” implizieren einen Standard für ältere Frauen: Ruhe und den Genuss der Rente. Männer werden zwar auch auf dem Arbeitsmarkt wegen des Alters diskriminiert, doch bei Frauen ist es eine doppelte Diskriminierung, die sich in solchen Bemerkungen sowie in einer Unterrepräsentation älterer Frauen in Filmen und Medien zeigt.
“Bei Frauen steht das Aussehen mehr im Vordergrund als bei Männern”, erklärt Perrig-Chiello. “Patrick Dempsey wurde mit 58 Jahren zum ‘Sexiest Man Alive’ gewählt, eine 58-jährige Frau hätte keine Chance auf diese Auszeichnung.” Dies verdeutlicht den doppelten Standard des Alterns: Beurteilung nach dem Äußeren statt nach sozialem Status oder Fähigkeiten, wie es bei Männern der Fall ist.
Zum Schluss fragt SRF nach konkreten Maßnahmen gegen Altersdiskriminierung. “Meine Vorschläge sind in meinem Buch ‘Own your Age. Stark und selbstbestimmt in der zweiten Lebenshälfte. Die Psychologie der Lebensübergänge nutzen’ dargelegt”, antwortet Perrig-Chiello, veröffentlicht 2024 bei Beltz.
Das Interview stammt von Yves Bossart und wurde in der SRF-Sendung Sternstunde Philosophie am 3. Mai 2026 ausgestrahlt.