Leonhard Birnbaum, CEO von E.On, unterstützt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in ihrer Forderung nach neuen energiepolitischen Regeln. Er betont die Notwendigkeit von Gaskraftwerken und schließt eine Rückkehr zur Atomenergie in Deutschland aus, sieht aber Chancen für die Schweiz.
Von seinem Büro aus betrachtet Birnbaum stillgelegte Kohlekraftwerke neben Windparks und Solaranlagen. Diese bilden ein Sinnbild für den schnellen Wandel der Energieversorgung in Europa.
Birnbaum fragt sich, ob Deutschland mit seinen hohen Strompreisen die Energiewende überdehnt hat. In den letzten 25 Jahren lag der Fokus auf dem Ausbau erneuerbarer Energien und gleichzeitiger Beibehaltung von Kohle- und Kernkraft für eine stabile Grundversorgung. Rund 60 Prozent des Stroms stammen heute aus erneuerbaren Quellen – ein Erfolg, doch die Herausforderungen sind nun größer.
Die Dekarbonisierung muss in den Verkehrssektor, die Industrieproduktion und die Wärmeerzeugung übergehen. Dies ist komplizierter, da die Verbraucher die Kosten stärker spüren werden. Netze stoßen zudem immer häufiger an ihre Kapazitätsgrenzen.
Bereits 2020 hatte E.On vor einem unzureichenden Ausbau der Netzinfrastruktur gewarnt – eine Warnung, die damals als Geschäftsinteressen abgetan wurde. Jetzt erkennt man das Problem.
E.On kritisiert zudem, dass Windräder in bereits überlasteten Netzen gebaut wurden, ohne Kostenbeteiligung an notwendigen Netzverstärkungen. Reiche fordert die Finanzierungsbeteiligung der Betreiber. Birnbaum unterstützt diese Pläne als notwendig für eine erfolgreiche Energiewende.
Die Kritik von Energiebranchevertretern richtet sich gegen Reiche, weil sie die bisherigen Geschäftsmuster bedroht sieht. Deutschland sollte nach Meinung einiger Länder in der zweiten Hälfte der Energiewende Vorbildcharakter haben, doch ist es zu teuer geworden.
Europäische Nachbarländer kombinieren Kernenergie mit erneuerbaren Energien für günstigere Strompreise. Deutschland plant jedoch keinen Rückbau des Atomausstiegs. Ein Neustart der Kernkraft wird als unwahrscheinlich angesehen, da ein solches Vorhaben langfristige politische Unterstützung benötigt.
Birnbaum ist skeptisch gegenüber kleinen modularen Kernreaktoren und sieht die Kernfusion noch in ferner Zukunft. Gaskraftwerke werden für die Grundlast vorgeschlagen, um Dunkelflauten zu überbrücken.
Obwohl Batterien helfen können, sind riesige Speicheranlagen für längere Dunkelflauten notwendig. E.On unterstützt keine Gaskraftwerke, fordert aber Alternativvorschläge von Gegnerinnen und Gegnern dieser Technologie.
Der europäische Strommarkt bietet Vorteile, erfordert jedoch Kooperation unter den Nachbarländern. Abhängigkeiten im Gasmarkt können durch Elektrifizierung verringert werden, aber vollständige Autarkie ist unrealistisch.
Deutschland verfügt über eigene Gasvorkommen, die politisch nicht genutzt werden. Auch bei Erneuerbaren und Batterien sind Europa und Deutschland von China abhängig. Bei der Wasserstoffproduktion sieht Birnbaum Chancen, jedoch ist er skeptisch bezüglich ihrer Wettbewerbsfähigkeit.
Die EU schlägt den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) vor, um CO2-Emissionen zu regulieren.