In Thayngen, Kanton Schaffhausen, sorgt ein Baugesuch für Aufsehen: Eine Immobilie im Dorfzentrum soll zu einem Bordell umgebaut werden. Das Gebäude, das sich nur einen Steinwurf von der über 500 Jahre alten Kirche und neben einer Kindertagesstätte befindet, zeigt von außen die typischen Merkmale eines Riegelhauses mit roten Holzbalken und weißer Fassade. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt blickdicht verklebte Fenster und eine Metalltür, hinter der sich ein Betrieb für Massagen und Erotik-Dienstleistungen befindet. Diese Pläne wurden im Februar in einem Baugesuch bekannt gegeben und lösten Empörung unter den Einwohnern aus.
Das Unternehmen „Secret Atelier“, das laut seiner Website zwei Zimmer für erotische Dienstleistungen anbietet, betont, es sei kein Bordell oder Laufhaus. Es ist Teil eines Betreibers mit 13 Standorten in der Nord- und Ostschweiz und grenznah zu Deutschland sowie Österreich.
Vor Ort beobachteten Anwohner vermehrt fremde Autos auf den Parkplätzen, was die Ruhe im Dorf störte. Besonders nach dem Baugesuch gab es Beschwerden über Müllsäcke, die vor der Tür und bei Nachbarn landen würden. Der Gemeinderat wurde bereits Mitte Jahr wegen dieser Probleme kontaktiert.
Die Ankündigung des Bordells hat eine Protestwelle ausgelöst. Ein Flugblatt mit dem Aufruf „Kein SEXgewerbe in der Kernzone im Wohngebiet von Thayngen“ wurde verteilt, begleitet von einer Karte, die zeigt, wie nah das Gebäude an Schulen und einem Kindergarten liegt. Über 600 Personen haben eine Online-Petition unterschrieben, um gegen das Sexgewerbe zu protestieren. Kommentare sprechen von einem „moralischen Verfall“ und der Gefahr, dass Kinder unangemessene Vorstellungen entwickeln könnten.
Die evangelisch-reformierte Kirche hat ebenfalls Einwendungen eingereicht, wobei sie auf die mögliche Ausbeutung von Frauen, den Mangel an Wohnraum und eine Zunahme des Verkehrs hinweist. Pfarrerin Britta Schönberger sieht die Entfremdung als Bruch in der religiösen Gemeinschaft.
Laura Spiri, Angebotsleiterin bei der Fachstelle Perspektive Thurgau, betont den Bedarf an Beratungen und Gesundheitskontrollen für Sexarbeiterinnen, die oft diskret in Wohnungen arbeiten. Die Fachstelle wurde durch Online-Recherchen auf das „Secret Atelier“ aufmerksam.
Im Kanton Schaffhausen gibt es weder ein spezifisches Prostitutionsgesetz noch eine allgemeine Meldepflicht für Sexarbeiter aus EU/Efta-Staaten. Aktuell sind 18 Personen in der Erotikbranche gemeldet, und seit Jahresbeginn waren es insgesamt 90.
Das Baugesuch erlaubt mäßig störendes Gewerbe im Dorfkern. Die Einwohner können jedoch „ideelle Immissionen“ geltend machen, die psychische Belastungen umfassen könnten. Gemeindepräsident Christoph Meister äußerte sich nicht zu dem Fall, da das Verfahren noch läuft.
Thayngen musste bereits in der Vergangenheit einen Umgang mit dem Sexgewerbe finden, als der Erotikklub „Leguan“ eröffnet wurde – damals im Industriegebiet gelegen und mittlerweile weitgehend akzeptiert.