Im Mittelpunkt des Prozesses steht Atef Najib, ein Verwandter von Ex-Diktator Bashar al-Assad. Inhaftiert und in Straflaufhosen sitzt er gelassen im Gerichtssaal, während ihn Angehörige der Bürgerkriegsopfer mit Beschimpfungen wie «Du Schwein!» und «Du Hund!» konfrontieren. Die Emotionen liegen auf der Hand; viele Anwesende sind aus Daraa angereist, um diesem Ereignis beizuwohnen.
Für sie steht die Genugtuung im Vordergrund. Als Sicherheitschef in Daraa war Atef Najib für die Festnahme und Folter von Jugendlichen verantwortlich, die 2011 Anti-Assad-Parolen an eine Schulwand schrieben. Ihr Tod gilt als Katalysator der Proteste, die später zu einem jahrzehntelangen Konflikt führten.
Ein Mann aus Daraa äußert gegenüber einem Reporter im Saal, dass Najib «kein Recht zu atmen» habe. Eine ältere Frau, deren Sohn im Krieg starb, wünschte sich seine öffentliche Hinrichtung. Bei der Anklageverlesung durch den Richter kehrt Ruhe ein: Es geht um «Verbrechen gegen das syrische Volk», denn «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» sind nicht im Strafrecht vorgesehen.
Im März 2011 schrieben in Daraa rund 15 Jugendliche Parolen an eine Schule. Sie wurden vom Geheimdienst unter Atef Najib festgenommen und gefoltert, was die Proteste gegen das Regime von Bashar al-Assad auslöste.
Der Autor Yassin Al-Haj Saleh, ehemaliger politischer Gefangener, ist zwiegespalten über den Prozess. Einerseits wünscht sich der syrische Bürger Gerechtigkeit, andererseits sieht er kritisch auf die Art des Verfahrens und vermutet eine Showveranstaltung zur Genugtuung.
In einem sozialen Medien-Video stellt Innenminister Anas Khattab dem Angeklagten Amjad Youssef Fragen zum Tadamon-Massaker, bei dem er Dutzende getötet hatte. Saleh kritisiert diese Inszenierung; Minister sollten Verdächtige fassen, Richter sie befragen.
Syrien hat nie eine Gewaltenteilung gekannt, wie Syrien-Experte Joshua Landis bemängelt; Richter werden vom Präsidenten ernannt. Er spricht von einer «Gewinnerjustiz», während die Aufarbeitung der Assad-Verbrechen notwendig sei.
Während es wichtig ist, die Gräueltaten aufzuarbeiten, bleibt fraglich, ob auch Verbrechen oppositioneller Milizen untersucht werden. Sie wurden durch den Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in die Streitkräfte integriert und stehen kaum vor Gericht.
Letztendlich sind sich alle einig: Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist unerlässlich, doch selbst diese Verbrecher verdienen einen fairen Prozess. Yassin Al-Haj Saleh betont die Bedeutung gerechter Verfahren für Syriens Zukunft.