Das Defizit der Schweizer Invalidenversicherung (IV) wird für das Jahr 2025 auf etwa eine halbe Milliarde Franken geschätzt, wie ein Bericht offenlegt. Diese Entwicklung ist hauptsächlich auf den Anstieg psychischer Erkrankungen zurückzuführen. Die IV finanziert sich überwiegend durch Lohnbeiträge (59 Prozent), Bundesgelder (40 Prozent) und Kapitalerträge (1 Prozent). Aktuell übersteigen die Ausgaben die Einnahmen, weshalb der Ausgleichsfonds Compenswiss seit dem Winter monatlich Vermögenswerte im Wert von 35 Millionen Franken verkauft. Dieses Vorgehen könnte bis Ende des Jahres andauern, danach ist eine Neubewertung geplant. Laut Informationen der Zeitung «Le Temps» wurde dieser Betrag bereits vorsorglich erhöht, was Compenswiss nicht offiziell bestätigt, jedoch einräumt, dass Anpassungen je nach Marktlage möglich sind.
Die Verkäufe schaffen einen Teufelskreis: Mit jedem verkauften Vermögenswert verringern sich die Kapitalerträge. Würden monatlich 100 Millionen Franken verkauft, wäre das IV-Kapital bis Ende 2027 nahezu zur Hälfte aufgebraucht. Der Bund erwartet zudem jährliche Umlagefehlbeträge von etwa 300 Millionen Franken bis zum Jahr 2040.
Eine anonyme Quelle aus dem Versicherungsumfeld beschreibt die Situation als besonders besorgniserregend, da die IV-Zahlen weniger stabil sind als bei der AHV oder der EO. Die Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) zeigen seit 2014 einen kontinuierlichen Anstieg neuer IV-Renten in allen Altersgruppen, besonders auffällig ist die Zunahme bei den 18- bis 29-Jährigen auf mittlerweile 10,5 Prozent aller Rentenbezieher. Psychische Erkrankungen sind hierbei der Hauptgrund für den Anstieg und haben sich in 30 Jahren von einem Anteil von 27 Prozent auf über 52 Prozent fast verdoppelt.
Diese Entwicklung ist nicht nur ein schweizerisches Phänomen. Mögliche Ursachen sind die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken, Stress am Arbeitsplatz sowie Engpässe in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung. Auch das veränderte Bewusstsein für psychische Gesundheit spielt eine Rolle.
Stefan Kaiser, Chefarzt an den Genfer Universitätsspitälern, stellt einen Anstieg bei Umwelt-abhängigen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen fest. Pro Juventute meldet ebenfalls mehr Hilfesuchende: Über die Telefonnummer 147 wurden im Jahr 2025 über 53.000 Kontaktanfragen registriert, ein Anstieg von 11,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Anne-Florence Débois von Pro Juventute sieht den IV-Anstieg bei jungen Menschen als Warnsignal und fordert eine Überprüfung der Unterstützungsmaßnahmen. Der Bundesrat reagiert mit einer Reform, die auf bessere Arbeitsmarktintegration abzielt und neue Leistungen zur Eingliederung einführt. Zudem wird über Verzögerungen bei Rentenentscheiden nachgedacht sowie eine Verbesserung der Zugänge zu Spezialisten diskutiert.