Nach der Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts, der dem renommierten Chirurgen Francesco Maisano vorwirft, sinnlose Implantate eingesetzt und die Mortalitätsrate in Zürich erhöht zu haben, rücken nun weitere Herzzentren unter Verdacht. Das Berner Inselspital, wo Maisanos Cardioband 36 Mal verwendet wurde, hat Untersuchungen eingeleitet.
Das Zürcher Universitätsspital (USZ) investierte zwei Millionen Franken in die Aufklärung des Skandals an seiner Herzklinik. Die Expertenkommission lieferte eine detaillierte Chronologie eines der größten Gesundheitsskandale der Schweizer Geschichte. Über Jahre war die Sterblichkeitsrate erhöht, wobei rund 70 Menschen aufgrund schlechter Behandlungsqualität starben. Elf Todesfälle wurden zur Anzeige gebracht.
Der Bericht stellt fest, dass neuartige Implantate fehlerhaft eingesetzt oder oft gar nicht notwendig waren. Maisano steht nun im Zentrum der Kritik. Die Gruppe untersuchte jedoch mögliche finanzielle Interessen Maisanos an Medizinalfirmen nicht und überprüfte die Situation auch nicht jenseits des Zürcher Kantons.
Der Skandal betrifft laut Recherchen der „NZZ am Sonntag“ nun weitere Spitäler im In- und Ausland. Das Cardioband, das ursprünglich dazu entwickelt wurde, undichte Herzklappen zu reparieren, wurde an verschiedenen Standorten eingesetzt, darunter auch in Bern (36 Mal), Luzern (einmal) und Mailand, wo Maisano weiterhin operiert.
Betroffene Patienten könnten sich stark verunsichert fühlen. Das Cardioband gilt heute vielen Fachleuten als unnötig bis gefährlich, seine europaweite Zertifizierung ist abgelaufen. Der Bericht zeigt auf, dass nur in drei Fällen ein dauerhafter Behandlungserfolg erzielt wurde.
Das Berner Inselspital prüft nun, welche Erkenntnisse aus dem Zürcher Bericht relevant sind, und bestätigt bisher keine Auffälligkeiten bei den 36 Cardioband-Patienten. Laut Medienstelle setzte man das Gerät nur auf der rechten Herzseite ein, um Risiken zu minimieren.
Thierry Carrel, ehemaliger Klinikdirektor für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital, äußerte sich überrascht über die 36 Fälle. Er war gegen das Einsetzen solcher Geräte.
Schon seit 2016 wurden der Zulassungsbehörde Swissmedic Vorfälle im Zusammenhang mit dem Cardioband gemeldet, wobei viele schwerwiegende Zwischenfälle untergemeldet wurden. Dies wirft grundlegende Fragen bezüglich der Kenntnisse anderer Spitäler und der Funktionalität der Meldepflicht auf.
Der Bundesrat schlägt vor, finanzielle Interessenkonflikte zu verhindern, indem Ärzte nur in schriftlicher Vereinbarung Entgelte erhalten dürfen. Die Schweizerische Patientenorganisation (SPO) fordert jedoch eine umfassendere Offenlegung wirtschaftlicher Interessen von Fachpersonen.
Baptiste Hurni, Vizepräsident der SPO und Neuenburger SP-Ständerat, brachte diese Forderung ins Parlament ein, scheiterte jedoch an der Lobbyarbeit der Branche. Die Direktion der Universitären Medizin Zürich unterstützte die Idee einer Offenlegungspflicht, hat den Grundsatz im Fall Maisano allerdings nicht umgesetzt.