Ein Blick auf Japan könnte der Schweiz einen Vorgeschmack darauf geben, was bevorsteht, wenn sie sich gegen Einwanderung entscheidet. Das alteingesessene ostasiatische Land mit nur drei Prozent Ausländeranteil erlebt seit Jahren wirtschaftliche Stagnation.
Ito, eine Stadt an Japans Südostküste und nur 90 Minuten von Tokio entfernt, war einst bekannt für sein luxuriöses Hotel Hatoya, das in den 1970er Jahren einen landesweiten Ohrwurm hatte. Doch heute sieht man heruntergekommene Ladenfronten und verfallende Onsen (Heissquellbäder), Zeichen des Niedergangs.
Japan hat seit 2008 über fünf Millionen Einwohner verloren, was die Bevölkerung auf fast 123 Millionen reduziert. Im Jahr 2024 verringerte sich die Anzahl der Einwohner um mehr als eine Million – ein Rückgang, der mit den kombinierten Stadtpopulationen von Zürich, Genf und Basel vergleichbar ist.
Mehr als 700 Gemeinden gelten als vom Aussterben bedroht. Der Japan Policy Council klassifiziert solche Orte als gefährdet, wenn zwischen 2010 und 2050 die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter um mehr als 50 Prozent sinkt.
Tsugishiro Nakada, ein 61-jähriger Politiker für die Liberaldemokratische Partei in Ito, beklagt den Bevölkerungsrückgang: “Früher war hier viel mehr los!” Die Zahl der Einwohner sank von 70.000 im Jahr 2015 auf 60.000 und wird bis 2050 voraussichtlich um ein Drittel abnehmen. Dies führt zu sinkenden Gewerbesteuereinnahmen und fehlendem Geld für Instandhaltungsarbeiten, was wiederum die Touristenzahlen schmälert.
Toshihiro Menju, der ehemalige Vorsitzende des Japanischen Zentrums für internationalen Austausch, betont in seinem kürzlich veröffentlichten Buch, dass eine rasche Erhöhung der ausländischen Bevölkerung notwendig ist. Ohne sie droht Japans Gesellschaft dysfunktional zu werden: Supermärkte schließen, Krankenhäuser stottern und Restaurants können nicht mehr kochen.
Obwohl es landesweit 20 Prozent mehr Arbeitsplätze als Bewerber gibt, sind viele Unternehmen aufgrund traditionell hoher Einwanderungshürden geschwächt. Die lange Isolation Japans trug zur idealisierten Vorstellung einer homogenen Gesellschaft bei. In den letzten zehn Jahren hat sich der Anteil ausländischer Bewohner verdoppelt, bleibt jedoch auf drei Prozent beschränkt.
Einige Japaner sind gegen Einwanderung und greifen zu falschen Behauptungen über finanzielle Belastungen durch Ausländer. Toshihiro Menju verweist darauf, dass die Stagnation der Durchschnittseinkommen in den letzten 30 Jahren und Importinflation für Unzufriedenheit sorgen.
In Ito gibt es jedoch Anzeichen eines Wandels: Nach seiner Mittagspause lobt Lokalpolitiker Nakada Joynt Brewing Co., eine internationale Treffstätte, die von Brian Shevlin, einem Amerikaner und Mariko Furuta geleitet wird. Internationale Zugezogene wie Nitin Jain und Caryn Jones tragen zur lokalen Gemeinschaft bei.
Die japanische Presse hat Ito als Beispiel dafür hervorgehoben, dass internationale Einwanderung einen Ort beleben kann. Nakada betont: “In Ito haben wir mit Ausländern überhaupt kein Problem” – und sieht in weiterer Zuwanderung eine Chance zur Belebung der Stadt.