In einem Container liegt eine Statue von Zarin Katharina II., ihre einstige Herrschergrandezza nun im Schatten ihres Verlieses verloren. Katerina Kulai, Direktorin des Kunstmuseums in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, schließt die Tür nach wenigen Minuten mit einer spöttischen Frage: „Genug gesehen?“ Für sie und viele andere in Odessa steht fest: Katharinas Erbe sowie das anderer russischer und sowjetischer Persönlichkeiten muss aus der Geschichte getilgt werden – als Symbole von Unterdrückung und kultureller Bevormundung. Die Vision ist klar: Die Zukunft soll dem Ruhm ukrainischer Künstler, Literaten und Helden gewidmet sein. Um dies zu erreichen, verabschiedete das ukrainische Parlament 2023 ein Gesetz zur Dekolonisierung, welches russischen Einfluss überall in der Ukraine eliminieren soll. Dies umfasst den Verkauf und Druck von russischer Literatur, sowie die Aufführung russischer Theater- und Opernwerke. Strassen werden umbenannt, Statuen entfernt, und alles, was zuvor als kultureller Einfluss galt, wird nun als Manipulation betrachtet. Diese Entwicklung wirft jedoch Fragen nach der Identität Odessas auf – eine Stadt geprägt von griechischen, italienischen, armenischen, jüdischen und russischen Einflüssen. Udo Poletti, ein in Italien geborener Kulturhistoriker, betont die Vielfalt als den Charme der Stadt. Durch seine Bemühungen gegen das Vergessen von Odessas Geschichte wird er jedoch als Agent Russlands beschimpft. Gemeinsam mit anderen Unterstützern und westlichen Intellektuellen richtete er einen Appell an die Unesco, um die Dekolonisierung auf eine Zeit nach dem Krieg zu verschieben. Die Unesco stimmte ihm inhaltlich zu, lehnte jedoch Einflussnahme ab. Poletti sieht die Gefahr der kulturellen Verarmung: „Wenn Ukraine ein europäisches Land werden soll, müssen Menschen entscheiden dürfen, welche Sprache sie sprechen und welche Literatur sie lesen“, sagt er. Viele Odessiten sprechen Russisch und sind stolz auf die Vielfalt ihrer Stadt – ohne prorussische Neigungen oder Kollaboration mit Russland. Die Mehrheit habe gegen den Ikonoklasmus gestimmt, wenngleich die Wahlbeteiligung gering war. Odessa, einst eine russischsprachige Touristenattraktion und Lieblingsstadt Putins, ist heute durch Dekolonisierungsmaßnahmen entzweit. Präsident Selenski versprach ursprünglich, die Spaltung im Land zu überwinden, doch nun soll sich die Ukraine von Russland distanzieren. Die Idee der Dekolonisierung wird von Rechtsanwalt Artem Karschatow unterstützt: „Der Eindruck einer Verbindung zur russischen Kultur spielt dem Feind in die Hände“, argumentiert er. Er betont, dass Mythen über Odessas Gründung durch Katharina II. und andere von Russland verbreitet wurden. Viele historische Straßennamen wurden geändert, um ukrainische Repräsentanten sichtbar zu machen. Doch nicht alle sehen die Veränderungen positiv; besonders ältere Generationen halten an der Sowjetzeit fest. Kulai ist frustriert über den Medienfokus auf ihre Namensschwester und plädiert dafür, die lange unterdrückte ukrainische Kunst zu würdigen.