Kleine Kinder mischen sich unter Bodybuilder und Erwachsene beim Laufen: Was verbirgt sich dahinter? Eine Neunjährige hebt eine Hantel, die dreimal ihr Gewicht beträgt. Ein Elfjähriger absolviert einen Halbmarathon in 1:20 Stunden. Ein Zwölfjähriger läuft in neun Stunden sechzig Kilometer und ein Dreizehnjähriger stand bereits auf dem Everest. Willkommen im Reich der Super-Kinder.
Lucy Pilgrim, ein zartes Mädchen, trägt einen Kraftgürtel, der an ihrem Körper riesig erscheint. Um sie herum sind beeindruckende Muskelberge zu sehen. Sie geht konzentriert auf die Hantel zu, atmet tief durch und stemmt 82 Kilogramm in die Höhe. Ihre Fäuste ballt sie fest zusammen. Mit ihren knapp 27 Kilo wirkt das Gewicht enorm. Über zwei Millionen Menschen haben sich ihr Video auf Instagram angesehen.
Ben Dick hat seine neuen Superschuhe an den Füßen, sein Laufshirt ist viel zu groß für seinen schmalen Körper. Zusammen mit seinem Vater startet er in Philadelphia einen Halbmarathon und lässt ihn nach einem Viertel der Strecke allein weiterlaufen. Mit 1:20 Stunden überquert er die Ziellinie, eine Zeit, von der viele erwachsene Hobbyläufer nur träumen können – das reichte bei mehr als 22.000 Teilnehmern für Platz 182.
Das kleine Mädchen zeigte ihre Muskeln auf dem Arnold-Sports-Festival, einem nach Arnold Schwarzenegger benannten Event. Dass hier niemand die Sinnfrage stellt, ist verständlich. Der schmale Junge jedoch nahm an einer Veranstaltung teil, gesponsert von IU Health, dem größten Ärztenetzwerk in Indiana.
Wurde überhaupt einmal gefragt, ob das gesund ist? In der Schweiz darf man laut Swiss Athletics erst ab 18 Jahren bei einem Halbmarathon antreten. Und als Jordan Romero mit 13 Jahren vom Everest winkte, wurde in Nepal ein Mindestalter von 16 Jahren festgelegt.
Jeder findet die verrückten Herausforderungen, die er sucht. Bei sogenannten Backyard-Ultramarathons misst man, wie lange man laufen kann, bis man umfällt. Charlie Pratt hat mit zwölf Jahren einen Weltrekord aufgestellt: 60,39 Kilometer.
Was all diese Geschichten gemeinsam haben? Der Trainer ist stets der Vater. Sie schleppen ihre Kinder in den Kraftraum oder zu Laufstrecken und Berge. Lucy sagt, sie trainiere fünfmal die Woche. Sollten sich nicht gerade Kinder in diesem Alter eher frei nach Lust und Laune bewegen, mit Freunden spielen und die Welt entdecken?
Diese Frage stellt man auch bei Kunstturnerinnen oder Schwimmern im Kindergartenalter. Doch diese üben ihren Sport meistens mit Gleichaltrigen. Die Super-Kinder hingegen werden in Erwachsenenarenen gestellt, auf Rekordjagd geschickt und über soziale Netzwerke vermarktet. Es scheint, als könnten Rekorde nicht verrückt genug sein.
Sport sollte vor allem Spaß machen. Wird er zur Freak-Show für kleine Kinder, hört der Spaß definitiv auf.