Jährlich wird mehreren Hunderttausenden Menschen Strom aus dem Grimselgebiet geliefert. Betrieben werden die dortigen Anlagen durch die Kraftwerke Oberhasli (KWO), aktuell im Besitz von vier Energieversorgern: Die BKW hält 50 % der Anteile, während die städtischen Energiewerke aus Basel (IWB), Bern (EWB) und Zürich (EWZ) den Rest besitzen.
Die Nachfrage nach dem Strom aus dem Berner Oberland ist hoch, weshalb weitere Energieunternehmen Interesse an Anteilen der KWO bekunden. Ein Konsortium von rund 30 kleineren und mittleren Energieversorgern aus dem Kanton Bern formierte sich am Montag mit dem Ziel, fünf bis zehn Prozent der Aktien zu erwerben. Das Bündnis umfasst größere Stadtwerke wie die Energie Thun AG, Industriellen Betriebe Interlaken und Energie Service Biel/Bienne sowie kleinere Gemeindewerke aus Orten wie Brienz oder Lauterbrunnen.
Die Jungfraubahn AG beteiligt sich ebenfalls an diesem Konsortium. Das Unternehmen begründet seine Teilnahme mit eigenen Erfahrungen in der Laufwasserkraftnutzung: “Unsere über 100-jährige Nutzung eines Laufwasserkraftwerks macht uns die Diskussionen rund um das Thema interessant”, so die Jungfraubahn AG.
Der Anstieg des Interesses an einer Beteiligung ist mit der baldigen Erneuerung der Konzession im Grimselgebiet verbunden. Obwohl die aktuelle Konzession bis Ende 2041 läuft, muss der Kanton Bern frühzeitig klären, wie es danach weitergehen soll. Das bietet eine seltene Gelegenheit: “Es ist eine einmalige Chance”, erklärt Helmut Perreten von den Industriellen Betrieben Interlaken (IBI), Mitinitiant des Konsortiums.
Kantone vergeben Konzessionen für Wassernutzung zur Stromgewinnung, die meist 60 bis 80 Jahre dauern. Nach Ablauf fallen die Anlagen je nach regionalem Gesetz an die Gemeinde oder den Kanton zurück (“Heimfall”). Bern möchte jedoch einen Heimfall vermeiden und plant, bestehenden Aktionären eine neue Konzession zu gewähren.
Das Kantonsparlament stimmte jedoch 2025 gegen dieses Vorhaben und entschied sich für eine “Berner Lösung”, die vorsieht, dass ein größerer Anteil der KWO im Besitz des Kantons Bern bleibt. Die genauen Bedingungen sind noch offen; das Parlament erwartet eine neue Vorlage in der zweiten Jahreshälfte.
Das neu gegründete Konsortium hat gute Chancen, sich am Erfolg zu beteiligen, da viele lokale Energieversorger auch politisch vertreten sind. Die bisherigen Aktionäre sehen die Verzögerungspotenziale bei mehreren Anteilseignern kritisch und bezweifeln die Finanzstärke des Konsortiums.
Helmut Perreten widerspricht diesen Vorbehalten: “Wir werden uns so organisieren, dass wir schnell Entscheidungen treffen können”, fügt er hinzu. Er betont zudem, dass die Bilanzsumme der beteiligten Firmen bei rund 1.7 Milliarden Franken liegt und damit ausreichend finanzielle Mittel für Investitionen bietet.
Die bisherigen Aktionäre halten sich mit öffentlicher Kritik zurück. Sowohl IWB als auch EWZ sehen sich in einer schwierigen Lage, da sie unabhängig vom Ausgang Anteile verlieren könnten. Eine Entscheidung gegen ausserkantonale Energieversorger könnte sogar zu einem vollständigen Verlust ihrer Anteile führen.
Die neuen Eigentumsverhältnisse sind auch mit den geplanten Investitionsvorhaben wie dem neuen Stausee Trift und der Erhöhung des Grimselsees verbunden. Diese Projekte belaufen sich auf Kosten von rund zwei Milliarden Franken, was ohne klare Besitzverhältnisse zu Unsicherheiten führt.