Israel und Beirut stimmen darin überein, dass die Entwaffnung der Hizbullah notwendig ist. Doch dieser Plan bleibt eine Illusion. Die Miliz sieht sich als Verteidigerin gegen Israel und will sunnitische Islamisten in Syrien abschrecken.
In Klaileh im Südlibanon, einem Hochburg-Gebiet der Hizbullah, werden die Särge der 16 getöteten Schiitenkämpfer mit Flaggen bedeckt. Verschleierte Frauen weinen und werfen Blumen auf die Verstorbenen, während in der Ferne Salutschüsse zu hören sind.
Klaileh liegt nahe der israelischen Sicherheitszone entlang der Grenze, die Israel nach einer Waffenruhe am 17. April besetzt hält. Die schiitischen Dörfer hier wurden zerstört; Klaileh ist nur minimal verschont geblieben. Trotz offizieller Waffenruhe in Libanon seit einem Monat sind laut dem libanesischen Gesundheitsministerium 380 Menschen bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. Die Hizbullah reagiert mit Drohnen und Raketen auf Nordisrael.
Die angeschlagene Miliz nutzt die Situation, sich als Libanons letzte Verteidigerin zu inszenieren – ein Echo ihrer Gründungszeit. Trotz der Zerstörung halten viele Schiiten in Grenznähe zur Hizbullah. Doch selbst unter Unterstützern schwindet die Euphorie. Bei einer Trauerfeier in Klaileh bricht eine Schlägerei aus, was das Chaos widerspiegelt.
Die Nerven der Dorfbewohner sind angespannt: ein zweiter Krieg innerhalb von zwei Jahren und viele Verluste. Der 20-jährige Hussein beschwört den Kampf gegen Israel, da die libanesische Regierung untätig bleibt. Doch manche sind erschöpft; ein Deutsch-Libanese verflucht seinen Geburtsort nach weiteren Zerstörungen.
Neben israelischen Angriffen schwächt auch der politische Wandel in Libanon die Hizbullah: Die Regierung fordert Entwaffnung und führt Friedensverhandlungen mit Israel, was bei den Schiiten auf Protest stößt. Obwohl die Armee nicht gewillt ist, gegen die Miliz vorzugehen, hat sich die Stimmung gedreht. Die Mehrheit der Libanesen lehnt militärische Abenteuer ab, doch ein Drittel möchte die Waffen behalten.
Laut Kristof Kleemann von der Friedrich-Naumann-Stiftung ist eine Spaltung in der Bevölkerung erkennbar: Christen, Sunniten und Drusen wollen das staatliche Waffenmonopol, während die Schiiten dies ablehnen. Die schiitische Unterstützung resultiert aus Angst vor Marginalisierung, da ihre Dominanz seit 2000 gefährdet ist.
Im Restaurant al-Jawad in Beirut präsentiert sich der Hizbullah-Chef Youssef al-Zein optimistisch: Der lang andauernde Kampf gegen Israel sei möglich. Er verweigert jede Demilitarisierung, solange der Libanon besetzt ist. Die Miliz setzt auf eine Strategie des Kleinkrieges, um israelische Verluste zu maximieren.
Der Hizbullah kehrt zu seinen Ursprüngen zurück und führt einen Guerillakrieg gegen Israel. Baalbek, der Geburtsort der Organisation, zeigt die tiefe Verwurzelung im schiitischen Kampf: Der Märtyrerfriedhof dort ist ein Symbol der jahrzehntelangen Kämpfe.
Die Angst vor sunnitisch-islamistischen Kräften in Syrien bleibt groß. Ali Farhad, ein Hizbullah-Anhänger, betont die Notwendigkeit zur Selbstverteidigung gegen drohende Gefahren aus dem Osten. Die schiitische Bevölkerung sieht in der Miliz ihre letzte Schutzinstanz.
Die neue syrische Regierung unter Ahmed al-Sharaa wird als Bedrohung wahrgenommen, insbesondere nach den brutalen Kämpfen des Hizbullah an Asads Seite. Die Angst vor Rache ist präsent und verstärkt die Entschlossenheit zur Waffenhaltung.