Marseille wird seit Langem als Brennpunkt der Drogenkriminalität gesehen, wobei häufig die nördlichen Quartiere im Fokus stehen. Doch dies sei eine zu einfache Darstellung, meint Philippe Pujol, Journalist und Autor, der sich intensiv mit Marseilles Problematik auseinandersetzt: “Marseille ist wie Yin und Yang – ein Weiss im Schwarz, ein Schwarz im Weiss.” Es gibt wohlhabende Viertel im ärmeren Norden und weniger wohlhabende Viertel im reicheren Süden. Die Drogenkriminalität konzentriert sich insbesondere auf die armen Stadtteile, die in Marseille zentral liegen, anders als in vielen anderen Großstädten. Laut Pujol leben etwa 400.000 Menschen in benachteiligten Gegenden. “Nicht alle leiden unter Not und Angst”, betont er, auch wenn es in bestimmten Wohngebieten besonders schwierig zugehe. Dennoch bleibt die Gewalt ein ernstes Problem. Immer wieder sterben Menschen im Zusammenhang mit Drogengeschäften. Pujol sieht darin das Zeichen einer harten Konkurrenz zwischen kriminellen Netzwerken: “In Marseille herrscht viel Wettbewerb. Ohne ihn gäbe es keine Toten.” Etwa 160 solcher Netzwerke konkurrieren laut seiner Schätzung, doch sie stehen nicht an der Spitze des Systems. Im Jahr 2023 wurden 49 Menschen im Zusammenhang mit Drogenkriminalität ermordet, vier von ihnen waren unbeteiligt. Im Jahr 2025 erschütterte der Mord an Amine Kessacis jüngerem Bruder die Stadt und das ganze Land; er war ein bekannter Gegner des Drogenhandels. Die Ermittler vermuten einen Einschüchterungsmord durch die Mafia. Justizminister Gérald Darmanin sprach anschließend von einer Bedrohung durch den Drogenhandel, die mindestens so groß wie die des Terrorismus sei. An der Spitze stehen internationale Großhändler, gefolgt von Zwischenhändlern. In Marseille sind dies oft Mitglieder der Mafia, wie etwa die berüchtigte DZ Mafia, die Drogen an lokale Netzwerke verteilen, welche das Gebiet kontrollieren und kleinere Akteure rekrutieren. Die Beteiligten werden immer jünger: 2024 lag das Durchschnittsalter der von kriminellen Netzwerken eingesetzten Helfer zwischen 15 und 16 Jahren – mit sinkender Tendenz. Pujol betont, dass die Verletzlichkeit junger Menschen ausgenutzt werde. “Es ist eine Art Prostitution; sie machen die Schmutzarbeit für die Mächtigeren.”, erklärt er. Die Machthaber wissen genau um die Gefahren: Im Gefängnis landen, getötet werden oder sich verschulden – oft alles zusammen. Die Drogenkriminalität beschränkt sich nicht nur auf Marseille. Ein Bericht des Rechnungshofs von 2024 zeigt, dass acht von zehn französischen Gemeinden vom Drogengeschäft betroffen sind. Dennoch bleibt der Ruf an Marseille haften. Jean-Baptiste Perrier, Professor für Rechts- und Kriminalwissenschaften in Aix-Marseille, sieht mehrere Gründe dafür. Die Geschichte der Stadt spielt eine Rolle – etwa durch die berühmte “French Connection”, einen Drogenring ab den 1940er Jahren. Zudem zieht Marseille Aufmerksamkeit auf sich: “Es ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs und sehr leidenschaftlich.” Pujol nennt ein weiteres Element: Banditentum gehört zur Kultur der Stadt. “Wir kennen unsere Banditen und wissen, was sie tun.”, sagt er. In anderen Städten wie Lyon wird über kriminelle Aktivitäten hinweggesehen. “Die Marseiller geben damit an.” Und er fügt hinzu: “In einer armen Stadt, die sich nie richtig entwickelt hat und nie im Fußball gewinnt, sagen manche: Immerhin gewinnen wir bei den Banditen.” Ein schwacher Trost allemal.