Für viele Jugendliche gehört das ständige Scrollen auf dem Handy zum Alltag – und der passende Soundtrack dazu ist Phonk, dessen Ursprünge selbst die Musikgeschichte in Erstaunen versetzen.
Die kulturelle Historie ist voller Rätsel: Wie wurden die Pyramiden von Gizeh erbaut? Wer steckte hinter Stonehenge? Wieso geriet Bach nach seinem Tod ins Vergessen, um später wiederentdeckt zu werden? Neue Mythen im Popkultur-Kanon ergeben sich durch Fragen wie: Enthält «Stairway to Heaven» von Led Zeppelin satanische Botschaften bei rückwärtiger Abmischung? Oder hatte der Delta-Blues-Musiker Robert Johnson einen Pakt mit dem Teufel für sein Können geschlossen? Aktuell fasziniert, wie ein fast vergessener Hip-Hop-Ableger aus den frühen 1990er Jahren in Memphis sich dank russischer Laptop-Künstler zu einem der größten Musikphänomene entwickeln konnte.
Phonk, eine extreme Form elektronischer Musik, klingt nach missglückten Experimenten mit explosiven Bässen und glitzernden Obertönen. Die Produzenten dieses Sounds, wie PHXPLAYA, DVRST oder der geheimnisvolle Slxughter, ein Russe in Brasilien vermutet, brechen gerade Rekorde. Mit über einer Milliarde Streams und zahlreichen Millionen Zuschauern auf YouTube hat er Stars wie Bad Bunny und Taylor Swift weit hinter sich gelassen.
Der Begriff «Hörer» passt jedoch nicht ganz, da Phonk mehr als reine Hörerfahrung ist – es dient oft als Unterhaltung für Videospiele oder Social-Media-Clips. Die Musik begleitet das Doomscrolling vieler Nutzer, die ihre Ursprünge nicht kennen. Die Geschichte von Phonk ist so faszinierend wie die Wiederentdeckung von Bach.
Zurück zu den neunziger Jahren: In Memphis entstand ein düsterer Gangsta-Rap ohne Ambitionen im Mainstream. Produziert mit einfachem Equipment, sprachen die Tracks Themen wie Drogen, Gewalt und Überlebenskampf an. Lokale Rapper wie DJ Squeeky oder Three 6 Mafia veröffentlichten ihre Werke auf Kassetten in geringer Auflage.
Mit dem Internet kam eine Renaissance: Fans digitalisierten diese Kassetten und machten sie weltweit zugänglich, was Memphis-Rap zu neuem Leben erweckte. Diese Archäologen der Musik fanden Gefallen an den rauen Sounds und verbreiteten die Mythen weiter.
Der US-amerikanische Rapper Space Ghost Purrp prägte 2010 den Begriff «Phonk» und integrierte Samples von Memphis-Künstlern in seine eigene Musik, was das Interesse an der Vergangenheit neu entfachte. Erst nach dem Revival des Memphis-Sounds durch ihn kam Phonk aus Russland eine entscheidende Rolle zu.
Russische Subkulturen nahmen den Sound auf, teilweise als Protest gegen die heimische Realität. Durch das Internet wurde dieser Undergroundsound viral, und mit der Driftbewegung fand er einen neuen Anwendungsbereich. Produzenten lieferten kurze, intensive Phonk-Tracks, um die Tiktok-Audiobibliothek zu bereichern.
Bis heute hat Phonk den Mainstream nicht vollständig erreicht, obwohl es in verschiedenen Regionen und Genres adaptiert wurde: von Brasilien über Japan bis hin zu Trap-Versionen. Die Musikwelt wartet ab, wann Schweizer Städte wie Zürich oder Genf ihren eigenen Phonk-Stil finden werden.