Einer der größten ungelösten Kriminalfälle Europas ist die Serie grausamer Mordtaten der «Killerbande von Brabant», bei denen selbst Kinder nicht verschont wurden. Ein Überlebender vermutet, dass er kein Zufallsopfer war und wirft höchste Gesellschaftskreise vor. David Van de Steen zeigt seine Narben: «Hier drin stecken seit vierzig Jahren Kugeln.» Während die physischen Narben an seiner Hüfte verheilt sind, bleiben die emotionalen Spuren tief in ihm und im kollektiven Gedächtnis Belgiens bestehen. Als Neunjähriger musste er mitansehen, wie seine Familie von der Bande brutal ermordet wurde. Die Täter wurden nie gefasst. Am 9. November 1985, einem Samstag, wird Davids Leben durch einen Angriff auf den Supermarkt Delhaize in Aalst für immer verändert. Mehr Menschen als üblich befinden sich im Laden und auf dem Parkplatz, da der Montag ein Feiertag ist. Aus einem Golf GTI steigen drei maskierte Männer aus, schwer bewaffnet. Als sie ihre Waffen ziehen, ruft Davids 14-jährige Schwester verzweifelt: «Nicht schießen, das ist mein Vater!» Die Täter töten den Vater und die Tochter nieder. David kann nur noch hören, wie seine Mutter «Renn weg!» ruft, bevor sie ebenfalls getötet wird. Van de Steen erinnert sich detailliert an den schrecklichen Tag. Nachdem er im Supermarkt Schutz gesucht hat und durch eine Glasscheibe die Täter zuschlagen sieht, befiehlt der als «Riese» bekannte Angreifer den Kunden, sich auf den Boden zu legen. Wer sich bewegt, wird erschossen; acht Menschen sterben. Die Männer stehlen 737 000 belgische Franken und flüchten. David wird angeschossen, überlebt jedoch nach 46 Operationen mit einer körperlichen Behinderung. Nach einem kurzen Schusswechsel mit der Polizei entkommen die Täter unerkannt. Diese Attacke war nur eine von mindestens siebzehn Verbrechen der Bande: bewaffnete Raubüberfälle, Mordserien und Geiselnahmen in Brabant. Ihre Taten beginnen 1982 mit einem Überfall auf einen Waffenladen und steigern sich bis zum blutigen Höhepunkt im Herbst 1985, als sie innerhalb von sechs Wochen dreimal Supermärkte überfallen und 16 Menschen töten. Belgiens Polizei versagt bei der Aufklärung. Fehlende Koordination zwischen den verschiedenen Ermittlungsbehörden führt zu einem Vertrauensverlust untereinander, bekannt als «guerre des polices». Erst Ende der neunziger Jahre werden die Behörden reformiert, nachdem ein Justizskandal um Kinderschänder Marc Dutroux das System erschüttert. Die geringe Beute der Taten und eine Polizeipatrouille, die kurz vor dem Anschlag von Aalst abzieht, erwecken Misstrauen unter den Bürgern. Verschwörungstheorien ranken sich um mögliche Verbindungen zu wirtschaftlichen oder politischen Kreisen sowie um illegale Aktivitäten. David Van de Steen ist überzeugt von einem Hintergrund: «Ich bin überzeugt, dass wir keine Zufallsopfer waren.» Er vermutet, seine Mutter sei bedroht worden, weil sie wusste, was geschieht. Nach dem Blutbad bleibt die Bande verschwunden; es gibt keine Festnahmen oder Bekennerschreiben. Die Ermittlungen dauern an, und obwohl eine Belohnung von 250 000 Euro für Hinweise ausgesetzt ist, glaubt kaum jemand noch daran. Der Fall der «Killerbande von Brabant» bleibt eines der größten Rätsel der europäischen Kriminalgeschichte.