Es war ein überraschender Moment, als Viktor Orban seine Wahl-Niederlage anerkannte und seinem Gegner gratulierte – eine Geste, die Zweifel an der Gesundheit der ungarischen Demokratie zerstreut. Etwa zwei Stunden nach Schliessung der Wahllokale trafen Push-Meldungen ein: Orban habe seine Niederlage eingestanden und Peter Magyar zum Sieg gratuliert. Das Verhalten des langjährigen Ministerpräsidenten, der nach sechzehn Jahren an der Macht abgewählt wurde, verblüffte viele. Während Beobachter mit seinem Ausscheiden gerechnet hatten, erstaunte vor allem seine sofortige Akzeptanz der Niederlage. In westlichen Medien war Orban oft als Autokrat dargestellt worden, der die Demokratie untergrabe – nun gratulierte gerade er dem Sieger. Orbans Rede an seiner Partei ist online zu sehen. Er räumte ein: „Das Ergebnis ist zwar noch nicht definitiv, aber doch schon eindeutig und für uns sehr schmerzhaft.“ Er gratulierte der siegreichen Partei und dankte allen Unterstützern sowie den 2,5 Millionen Wählern seiner Partei. Orban versprach ihnen, aus der Opposition heraus das Land zu dienen. Seine Ansprache endete mit den Worten: „Die Tage, die vor uns liegen, werden der Heilung der Wunden dienen. Aber danach beginnt die Arbeit von neuem, und bei dieser Arbeit zähle ich auf jeden von euch!“ Diese Aussagen widersprechen dem Bild eines Autokraten, der sich an die Macht klammert. Vielleicht handelte Orban strategisch oder war gezwungen, so zu reagieren. Doch seine Handlungen entsprachen den Prinzipien einer funktionierenden Demokratie: Wahlergebnisse anzuerkennen und friedlich abzutreten. Dass dies nicht immer selbstverständlich ist, zeigt sich auch in stabilen Rechtsstaaten. Als Gerhard Schröder 2005 gegen Angela Merkel verlor, wollte er trotz der Ergebnisse weiterregieren, bis er schliesslich die Realität akzeptierte. Und Donald Trumps Weigerung, seine Niederlage 2021 zu akzeptieren und das anschliessende Chaos am Capitol verdeutlichen, wie anfällig Demokratien sein können. Dennoch funktionierte der Machtwechsel letztlich. In vielen Medien herrscht seit Trumps erster Wahl Alarmstimmung bezüglich der Zukunft der Demokratie. Trotzdem zeigte sich bei den ungarischen Wahlen eine hohe Beteiligung und Proteste, die die Vitalität der Demokratie unterstrichen. Orban trug auch in seiner Niederlage dazu bei. Die Nachrichten sind positiv: Der Untergang der Demokratie ist erneut verschoben.