Der Glaube erlebt eine Renaissance – doch die Kirchen bleiben leer. Eine neue Generation sucht online nach Sinn und orientiert sich dabei an religiösen Influencern wie Chelsea Merlini.
Chelsea Merlini, eine 23-jährige Schweizerin, teilt seit über zwei Jahren auf Instagram religiöse Inhalte, erreicht Tausende von Follower pro Beitrag und verbindet persönliche Missionserfahrungen mit Ratschlägen für ein tieferes Glaubensleben. Ihr erfolgreichster Post wurde über eine Million Mal angesehen. Obwohl sie sich nicht als Influencerin bezeichnet, akzeptiert sie die Bezeichnung „Christfluencerin“.
Ihr Publikum ist vielfältig: Jüngere Frauen sehen in ihr eine Art große Schwester, während ältere Nutzer religiöse Stimmen der jungen Generation schätzen. Die Popularität von Christfluencern wie Merlini zeigt die Verlagerung des Glaubens vom physischen Raum ins Internet.
Merlinis Leben veränderte sich nach einer Krise in ihrer Jugend, als sie an Depressionen litt und sich vor ihrem Bett auf die Knie fiel. Sie glaubt, dass Gott ihr in diesem Moment begegnete und ihre Depression sofort beendete. Diese Erfahrung führte dazu, dass sie Briefe an Gott schrieb und täglich betete. Sie besuchte eine Missionarsschule und reiste nach Afrika und Asien, um ihren Glauben zu verbreiten.
Merlini ist Mitglied mehrerer überkonfessioneller Freikirchen und sieht Jesus als zentralen Punkt ihres Glaubens. Ihre Missionsarbeit ist nicht kirchlich organisiert; vielmehr legt sie Wert darauf, dass Menschen persönliche Erfahrungen mit Jesus machen.
Junge Menschen sehen sich heute weniger an traditionellen religiösen Institutionen orientiert. Eine Studie des Springtide Research Institute ergab 2022, dass die meisten jungen Amerikaner als spirituell gelten, sich aber keiner festen Gemeinschaft zugehörig fühlen: 91 Prozent der 13- bis 25-Jährigen glauben an eine höhere Macht, nur 29 Prozent sind Mitglied einer religiösen Gruppe. Ein ähnlicher Trend zeigt sich in einer internationalen Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2025.
Auch die Schweiz erlebt einen Anstieg der Konfessionslosigkeit: 1970 waren es noch etwa ein Prozent, heute sind konfessionslose Menschen zur größten Gruppe geworden. Seit 2022 übersteigt deren Anteil jenen der römisch-katholischen Kirche.
Sabrina Müller, Professorin für Theologie an den Universitäten Bonn und Zürich, beobachtet eine zunehmende Nachfrage nach religiöser Kommunikation auf sozialen Netzwerken. Sie bemerkt einen Wandel im Umgang mit Religion: Die Generation Z sieht darin keine verstaubte Institution mehr, sondern etwas Neues, das Orientierung bietet.
Religiöse Influencer fungieren als Bezugspersonen und Seelsorger, wobei die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verschwimmen. Religion wird zunehmend selektiv konsumiert – jeder kann seinen persönlichen Glauben anhand seiner Lebensumstände gestalten.
Chelsea Merlini betont, dass sie durch ihre Online-Präsenz keine Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen sein will. Sie sieht sich als von Gott geführte Person in sozialen Netzwerken, um Menschen zu begegnen – eine Entwicklung, die nach Müller auch religiöse Institutionen vor Herausforderungen stellt.
Religiöser Glaube wird fluider: persönlich und öffentlich zugleich. Die Rolle der Kirchen in dieser Transformation bleibt ungewiss und hängt davon ab, welches Gewicht ihnen künftig noch zukommt.