Dieter Langewiesche, ein renommierter Historiker der europäischen Gewaltgeschichte, diskutiert im Interview die Besonderheiten aktueller Konflikte in der Ukraine und dem Nahen Osten. Er ordnet den ukrainischen Krieg als einen Nationalkrieg im Sinne des 19. Jahrhunderts ein: Es geht um Nation- und Staatsbildung. Trotz selbststarker Identitäten Russlands und der Ukraine sind beide, laut Andreas Kappeler, eher junge und unbeständige Nationen. Vor dem russischen Angriff war die Zugehörigkeit in der Ukraine regional differenziert; seitdem hat der Konflikt die Nationsbildung beschleunigt, insbesondere im Donbass.
Langewiesche betont, dass Kriege oft nationale Identitäten festigen. Der ukrainische Widerstand gegen Putins Vorstellung eines gemeinsamen russisch-ukrainischen Nationalstaats unterstreicht die historische Auseinandersetzung um gegensätzliche Geschichtsbilder. Putin vertritt die Ansicht, dass Ukraine und Russland seit der alten Rus eine gemeinsame Nation bilden.
Im Gegensatz dazu behauptet das ukrainische Narrativ eine eigene, alte nationale Identität. Diese Auseinandersetzung entscheidet sich durch den Krieg, so wie im 19. Jahrhundert in Italien oder Deutschland. Langewiesche hebt hervor, dass Putins Argumentation nicht imperialistisch, sondern nationalistisch ist.
Die friedliche Auflösung der Sowjetunion war weltgeschichtlich einzigartig und führte zur Souveränität vieler Staaten, darunter die Ukraine. Putin versucht nun, diese historische Singularität zu negieren, indem er in das klassische Muster des Krieges als Mittel zur Nation- und Staatsbildung zurückkehrt. Erfolgt die Überlebenskraft der ukrainischen Nationalstaatlichkeit im Konflikt, wird sie sich festigen.
Im Vergleich zum 19. Jahrhundert erschwert die Beteiligung vieler internationaler Akteure und demokratischer Strukturen das Ende des Krieges. Langewiesche prognostizierte frühzeitig Schwierigkeiten bei der Beendigung, da ohne Kapitulation traditionell kein Verständigungsfrieden erzielt werden kann.
Der Konflikt in der Ukraine wird sowohl als nationaler Verteidigungskrieg als auch als Stellvertreterkrieg betrachtet. Langewiesche sieht darin keinen Widerspruch, denn die Unterstützung für die Ukraine dient gleichzeitig der europäischen Sicherheit.
Die langfristige militärische Haltung Europas hängt von der Dauer und Lösung des Konflikts ab. Die EU hat bisher kaum Fortschritte in gemeinsamer Verteidigungspolitik gemacht, was eine stärkere Integration erfordert. Im Nahen Osten wird der Krieg gegen Iran als komplexer Kabinettskonflikt ohne formelle Erklärung gesehen, vorrangig motiviert durch die Bedrohung durch iranische Militärmacht und nukleare Ambitionen.
Langewiesche verweist auf historische Parallelen, um aktuelle Entwicklungen zu deuten. Seine Analyse betont, dass ohne entscheidende Kapitulation ein Kriegsende schwierig bleibt.