Die Villa im Zürcher Seefeld wirkt, als ob hier etwas Ungesagtes passiert wäre. Im Dachgeschoss finden sich rot-weiss gestreifte Bretter, die wie Barrikaden erscheinen. Ein Schild mit der Aufschrift «geschlossen» liegt auf dem Boden und die Wände sind bis zur Leitungslage offen. Ein Damenschuh und eine Kochkelle liegen in einer braunen Flüssigkeit; von der Decke hängt eine Kinderschaukel, an einer Wand steht ein winziger karierter Stuhl. Die Hausherrin Katrin Bechtler sitzt auf einer goldenen WC-Schüssel und dreht diese um ihre Achse. Sie kichert vergnügt. Dieses Durcheinander ist Teil ihrer Kunstinstallation.
Bis vor Kurzem lebte Bechtler selbst im Dachgeschoss ihrer Villa, umgeben von Kunstwerken. Nun soll das gesamte Haus zu einem Museum werden – der Ort ihrer «letzten Show». Um dies zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück in ihre Kindheit und Jugend.
Ihr Vater, Walter Bechtler, machte während des Zweiten Weltkriegs mit Lüftungstechnik sein Vermögen. Zusammen mit seinem Bruder sammelten sie ein dreistelliges Millionenerbe an. Katrin wuchs in Zürich und später in Zollikon auf, wo Künstler wie Chagall, Warhol und Tinguely verkehrten. Ihr Vater investierte in ihre Arbeiten: «Henry Moore fand ich als Kind langweilig», erzählt Bechtler.
Sie reiste oft allein durch Südamerika und arbeitete für Fidel Castro in Kuba. Die linke Frauenbefreiungsbewegung brachte sie nach Kuba, weil sie an eine bessere Welt glaubte, was sich nicht bewahrheitete. Bechtler sagt häufig «wir», als ob es mehrere Versionen ihrer selbst gäbe.
Sie besuchte nie eine höhere Schule, ihre Brüder dagegen schon. Sie erhielt die Faszination für Kunst von ihrem Vater und wurde selbst Kunstmäzenin. Auf Reisen fotografierte sie Toiletten – ihr ehemals weltgrößtes Archiv. 2003 kaufte sie mit Nestlé-Aktien eine Villa im Seefeld, lebte dort alleine und ließ vorübergehend Hausbesetzer zu.
2013 baute sie ein ungewöhnliches Mehrfamilienhaus im Garten, das die «New York Times» berichtete. Sie war nie ängstlich in ihrer Dachwohnung neben wertvollen Kunstwerken und sagt: «Ich habe immer eine Pistole unter dem Bett.»
Bechtler bevorzugt einen unauffälligen Lebensstil, tritt in Faserpelz und Jeans auf und fährt einen lackierten Mercedes Coupé. Nach einem Wohnungsbrand lebt sie ohne viel Besitz.
Sie hat über Jahrzehnte Künstler gefördert und unterstützte Ideen von Erfinderinnen, auch wenn diese nie marktreif wurden. Heute beginnt ihr Tag um 5:30 Uhr. Sie bereitet ihre «letzte Show» vor, die im April startet mit Ausstellungen für Erwachsene und Kinder sowie weiteren Elementen.
Bechtler ist besessen von einem Verdacht: Kunstwerke aus dem Elternhaus sind verschwunden – darunter ein Miró, Mondrian und Skizzen von Picasso. Sie findet niemanden, der mit ihr spricht. Ihr Bruder Thomas W. Bechtler betont jedoch, dass Werke unter den Erben verteilt oder verkauft wurden.
Katrin Bechtlers letzte Suche bleibt unvollendet – wie vieles in ihrem Leben.