Nach einer kurzen Schließung wurde die legendäre ‚Haifischbar‘ im Zürcher Niederdorf wiedereröffnet. Doch stellt sich die Frage, ob sie wirklich zu neuem Leben erwacht ist.
Der Haifisch war schon immer ein Symbol für Gefährlichkeit – eine Erkenntnis, die bereits Brechts ‚Dreigroschenoper‘ vermittelte. Dieses Raubtier mit sichtbarem Gebiss ziert das Logo des Lokals, obwohl es im Laufe der sechzigjährigen Geschichte des Hauses seine wilden Züge abgelegt hat.
Früher war die ‚Haifischbar‘ ein Ort der Extravaganz, Exotik und Erotik. Josef Schupp, alias ‘Käpten Jo’, schuf hier eine Bühne für aufsehenerregende Shows mit Musik, Ringkämpfen im Schlamm und tanzenden Schimpansen in Matrosenuniformen. In den 1980er Jahren wandelte sie sich zu einer Gogo-Bar.
In der jüngsten Wiedereröffnung als Restaurant und Pianobar nach einem Restaurierungsprozess wird ein ‚neues Kapitel der Erlebnisgastronomie‘ geschrieben. Heute setzt das Lokal auf eine gehobenere Atmosphäre: Laut ‚House Policy‘ passen Sportbekleidung und Flip-Flops nicht mehr ins Ambiente.
Eine Besichtigung des Falter am frühen Donnerstagabend zeigte einen fast leeren Raum, in dem ein Pianist unter bunten Lampen ‚Let it be‘ intonierte. Die wenigen Gäste, eine Gruppe der Jeunesse dorée, blieben unbeeindruckt von der Musik.
Die Karte verspricht ‚Signature-Hauptgänge und Zürcher Kulinarik mit Kreativität und Sorgfalt‘, darunter Rindfleisch- und Meeresfrüchtegerichte sowie einen ‚Signature-Maiskuchen‘. Der Falter entscheidet sich jedoch nur für einen Espresso Martini (Fr. 22.–) an der Theke neben welkenden Lilien.
Während die Kellnerin zu Michael Jacksons Liedern tanzt, zeigt sich das Publikum unbeeindruckt von den Stimmungsversuchen des Personals. Der Anspruch der Betreiber, ‚jede Nacht zum Erlebnis‘ werden zu lassen, wird an diesem Abend nicht erfüllt.
In weiteren Besuchen zwischen 22 und 23 Uhr bleibt das Publikum aus, während ein Mittwochabend kurz nach neun lebhafter verläuft. Ein osteuropäisches Duo singt in einem besonderen Dialekt, gefolgt von einer Coverversion von Robbie Williams’ ‚Angel‘.
Der Chef selbst tritt hinter die Theke und bietet eine individuelle Cocktailkreation an. Der Falter bestellt einen Whisky Sour (Fr. 22.–), der jedoch eher wie Seifenlauge schmeckt, worüber sich der Gastgeber sichtlich ärgert. Dennoch wird der Drink nicht berechnet.
Trotz des enttäuschenden Erlebnisses bleibt offen, ob die Bar an Wochenenden mehr Leben zeigt und den Besuchern ein angenehmer Ort zum Verweilen bietet. Die Entscheidung, erneut einzukehren, steht noch aus, während der Falter überlegt, ob es sich lohnt, in diesem zahnlosen Räuber zu schwimmen.
Restaurant und Pianobar HaifischMühlegasse 3, 8001 ZürichSonntags und montags geschlossenTelefon 044 260 19 65
Der Nachtfalter bewegt sich stets unangemeldet und anonym durch die Bars der Stadt und begleicht seine Rechnungen selbst. Seine Berichte konzentrieren sich vor allem auf Zürich, mit gelegentlichen Ausflügen ins In- und Ausland.
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