Die Diskrepanz zwischen den ungelösten wirtschaftlichen Herausforderungen und der Stimmung von Investoren und Politikern ist selten so groß gewesen wie heute. Je früher die Anleger Anpassungen vornehmen, desto geringer wäre der Schaden.
Krisen- oder Kriegsszenarien scheinen weit entfernt, sowohl in Europa als auch den USA. Trotz kritischer Diskussionen möchten viele die Konsequenzen nicht persönlich spüren. Politiker versuchen ihrerseits, Wählern und Unternehmen Unannehmlichkeiten zu ersparen.
In den USA feiern Börsen dank optimistischen Erwartungen an die KI-Produktivität und Tech-Firmengewinne erneut Rekorde, während in der Schweiz und Deutschland ein Nachlassen des März-Einbruchs durch den Nahost-Krieg zu beobachten ist. Diese Unbeschwertheit erscheint umso befremdlicher, da die globalen Herausforderungen und wirtschaftspolitischen Anpassungsbedarfe kaum größer waren.
Der israelisch-amerikanische Krieg gegen den Iran dauert nun 62 Tage an. Trotz eines offiziellen Waffenstillstands bleibt die Straße von Hormuz blockiert, was laut der Internationalen Energieagentur zu einem historischen Lieferunterbruch führt. Die Weltbank schätzt einen Mangel von etwa zehn Prozent am Erdölangebot.
Der Ölpreis hat sich seit Kriegsausbruch um fast zwei Drittel auf rund 115 Dollar pro Fass erhöht, wobei volkswirtschaftliche Prognosen eine Verdopplung für den Nachfrageeinbruch erfordern würden. Dennoch spekulieren Anleger weiterhin auf einen baldigen Konfliktende.
Ohne spürbare Folgen wird es jedoch nicht bleiben können, da die Wirtschaft stark von fossiler Energie abhängig ist. Die Weltbank prognostiziert für dieses Jahr einen durchschnittlichen Preisanstieg der Energie um ein Viertel, was zu höheren Dünger- und Nahrungsmittelpreisen führen wird.
In Europa droht insbesondere bei Kerosin eine Knappheit. Die Lufthansa hat darauf mit Streiks reagiert, während die Politik oft auf Preissteigerungen mit Steuersenkungen und Subventionen reagiert. Diese Maßnahmen führen zu ineffizienter Rationierung.
Politiker scheinen höhere Energiepreise für ihre Wähler nicht zumutbar zu finden. So hat Deutschland die Benzin- und Dieseltaxen gesenkt, während 18 europäische Länder ähnliche Maßnahmen ergriffen haben.
Die Verschuldung der Staaten ist durch Krisen seit 2007/08 stark gestiegen, ohne dass ernsthafte Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung unternommen werden. Soziale Transfers dominieren die Ausgaben, was zu strukturellen Defiziten führt.
Deutschland hat unter seiner Regierung ein 500 Milliarden schweres Sondervermögen geschaffen, das jedoch mehrheitlich bereits geplante Investitionen umfasst. Der Internationale Währungsfonds fordert klare Konsolidierungsziele der Finanzhaushalte.
Geopolitische Veränderungen erfordern höhere Staatsausgaben und neue Prioritäten, wie die Diversifizierung von Lieferketten oder eine eigenständigere Verteidigung in Europa. Doch kurzfristige Reformen sind unwahrscheinlich.
Der Internationale Währungsfonds mahnt konkrete Konsolidierungsmaßnahmen an, doch bleibt die Realitätsverweigerung groß. Ein Börseneinbruch könnte dringend notwendige Anpassungen erzwingen, birgt jedoch das Risiko von Liquiditätsengpässen und neuen Bankenkrisen.
Investitionen in Krisenfeste Unternehmen und Realwerte könnten sinnvoller sein. Wann die Korrektur eintritt, ist ungewiss, doch je länger der Status quo anhält, desto größer werden die späteren Anpassungskosten.