1976 bezeichnete der damals 17-jährige Musiker Morrissey die Ramones als «eine aufgeblasene Truppe degenerierter Nicht-Talente» in einem Artikel für das Musikmagazin «Melody Maker». Er kritisierte, dass sie musikalisch keinerlei Feinsinnigkeit oder Abwechslung zeigten und empfahl, sich von ihnen abzuwenden. Doch Morrissey und viele andere irrten sich gewaltig. Heute genießen die Songs der Ramones einen hohen Rang auf Bestenlisten, denn 1976 markierten sie mit ihrem Debütalbum den Beginn einer musikalischen Revolution und legten damit den Grundstein für das Punk-Genre. Zwar standen die Ramones auf den Schultern von Proto-Punk-Vorreitern wie MC5, Iggy and the Stooges, Patti Smith und The Sonics, die bereits vorher mit musikalischer Einfachheit und Härte experimentierten. Doch Joey, Johnny, Dee Dee und Tommy Ramone verfeinerten dieses Konzept. In England war der Punk jedoch ebenfalls in Schwung gebracht worden: Die Sex Pistols gaben im November 1975 ihr Debüt. Dennoch gewannen die Ramones das Rennen um die erste Veröffentlichung eines Albums – nicht zuletzt dank ihrer Fähigkeit, ihr Werk in nur fünf Tagen aufzunehmen. Am 23. April 1976 erschien ihr selbstbetiteltes Erstlingswerk: 14 Songs in einer Gesamtspielzeit von 29 Minuten, alleinig bestehend aus schnellen und reduzierten Klängen, drei Powerchords, wenige Texte – BÄM! Während die Hitparaden von glattpoliertem Disco-Sound beherrscht wurden, zeigten die Ramones dem Mainstream den Stinkefinger und feierten ihre Anti-Haltung. Mit ihrem Sound trafen sie das Lebensgefühl einer jungen Generation, die sich vom bürgerlichen Ideal eines geordneten Lebens abwandte. Kriegsdesillusioniert nach Ende des Vietnamkrieges nur ein Jahr zuvor, glaubten viele Jugendliche nicht mehr an den American Dream. Ihre Anti-Haltung und der unverblümte Ausdruck fanden bei vielen Anklang. Die Auftritte der Ramones im New Yorker Club CBGB, dem Zentrum der US-Punkkultur, machten schnell Furore, noch bevor ihr erstes Album erschien. Ihre Songs waren hypnotisch und antreibend, gepaart mit eingängigen Refrains, die zum Mitsingen einluden. Diese Energie entfaltete sich vor allem live – obwohl sie nie in den Top Ten einer Mainstream-Hitparade landeten, errangen sie durch explosive Live-Shows Kultstatus. Paul McCartney benutzte das Pseudonym Paul Ramone, als er in einem Hotel abstieg. Die Gründungsmitglieder der Ramones waren große Beatles-Fans und übernahmen McCartneys Nachnamen-Pseudonym. So wurde Jeffrey Hyman (Gesang) zu Joey Ramone, John Cummings (Gitarre) zu Johnny Ramone, Douglas Colvin (Bass) zu Dee Dee Ramone und Tamás Erdélyi (Schlagzeug) zu Tommy Ramone. Nihilismus und Grenzüberschreitung sind Teil der Punk-DNA. So erklärt sich auch die Einbindung von Nazirhetorik auf ihrem Debütalbum, etwa im Opener «Blitzkrieg Bop». Aus heutiger Sicht befremdlich, war dies damals eine bewusste Provokation – verstärkt dadurch, dass Joey und Tommy Ramone Juden waren. Jahre später distanzierte sich Morrissey von seiner frühen Kritik. Er meinte sogar, die Ramones wären heute die größte Band der Welt, wenn sie noch existieren würden. Übertrieben? Vielleicht. Doch ihr Debüt gilt zu Recht als Manifest des frühen Punks und prägte zahlreiche weitere Bands – es ist ein musikalischer Meilenstein. Nach ihrer Gründung 1974 in New York veröffentlichten die Ramones insgesamt 14 Studioalben. Trotz begrenzten kommerziellen Erfolgs tourten sie unermüdlich und bauten eine riesige Fangemeinde auf. Bis zu ihrer Auflösung 1996 gab es diverse Wechsel in der Bandbesetzung. 2002 wurden die Ramones in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, 2011 erhielten sie einen Grammy für ihr Lebenswerk. Im Jahr 2014 verstarb Tamás Erdélyi alias Tommy Ramone – das letzte Gründungsmitglied.