Der Konflikt im Nahen Osten treibt die Energiepreise in die Höhe und veranlasst Jerome Powell, den scheidenden Chef der US-Notenbank Fed, dazu, von einer Zinssenkung Abstand zu nehmen. Die Notenbank zeigt sich stark besorgt über die ansteigende Inflation.
Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit im Mai nach acht Jahren als Vorsitzender der zentralen amerikanischen Notenbank will Powell keine Experimente mehr wagen. Kevin Warsh, dessen Kandidatur kürzlich von einer wichtigen Bankenkommission des US-Senats unterstützt wurde, wird wahrscheinlich die Nachfolge antreten.
Im letzten Zinsentscheid unter Powells Leitung gab es keine Überraschungen: Der Leitzinssatz bleibt im Rahmen von 3,5 bis 3,75 Prozent. Aufgrund des Konflikts in Iran, der die wirtschaftliche Lage auch in den USA belastet, will sich das Fed alle Optionen offenhalten.
Auch in seinem letzten Amtsjahr gelingt es Powell nicht, einstimmige Beschlüsse im Offenmarktausschuss zu erreichen. Stephen Miran, von Trump eingesetzter Gouverneur, plädiert erneut für eine Senkung um 0,25 Prozentpunkte. Drei Mitglieder widersprechen zudem der Sprachregelung in der Mitteilung des Zinsentscheids, was auf eine Tendenz zu einer möglichen Senkung hindeutet. Dies zeigt die Besorgnis über die Inflation und lässt nicht ausschließen, dass im Laufe des Jahres eine Erhöhung erfolgen könnte.
Im letzten Jahr waren abweichende Stimmen bei der Fed häufiger, was ungewöhnlich ist, da traditionell Konsens herrschte. Die Vorsitzenden nahmen oft vor den Abstimmungen Kritik auf und reflektierten sie in den Medienmitteilungen.
Zuletzt erwarteten die Märkte mehrere Zinssenkungen von der Fed im Jahr 2026, doch haben die Entwicklungen im Nahen Osten diese Hoffnungen zunichtegemacht. Die steigenden Energiepreise lassen Powell aufpassen, dass die Kontrolle über die Inflation nicht entgleitet – ähnlich wie nach der Pandemie, als die Teuerung über 9 Prozent erreichte.
Da sich am Leitzinssatz nichts zu ändern scheint, beachten die Investoren das Fed-Statement genau. Mit Nuancen in den Formulierungen könnte eine bevorstehende Zinssenkung oder -erhöhung angedeutet werden. Aufgrund der Unruhen in Iran und an den Energiemärkten empfiehlt der Offenmarktausschuss weiterhin Zurückhaltung.
Das Fed weist nun erstmals explizit darauf hin, dass die Inflation „erhöht“ ist, was zum Teil auf steigende globale Energiepreise zurückzuführen ist. Nach Bekanntgabe des Statements verloren sowohl Aktien als auch US-Staatsanleihen leicht an Wert.
Dem Fed hilft der höhere Leitzins im Vergleich zu Euro-Raum und Japan, während widersprüchliche Signale aus der amerikanischen Wirtschaft die Situation erschweren. Die Inflation liegt deutlich über dem Ziel von 2 Prozent, und die Amerikaner zeigen sich in Umfragen pessimistisch bezüglich ihrer finanziellen Lage und des Geschäftsklimas.
Experten sind uneins über die Relevanz der Umfragen; trotz zunehmendem Pessimismus seit der Pandemie reduzierten die Verbraucher ihren Konsum kaum, wie jüngste Einzelhandelsverkäufe zeigen.
Laut dem „GDPNow“-Tracker des Atlanta Fed verlangsamt sich das Wachstum zwar in den USA, bleibt jedoch vergleichsweise stark. Wenig neue Jobs werden geschaffen und die niedrige Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent wird durch eine geringere Einwanderung seit Trumps Amtszeit begünstigt. Eine Zunahme der Entlassungen könnte schnell zu einem Problem werden.
Hohe Energiepreise könnten eine Kette aus Nachfrageeinbußen und Unternehmensentlassungen in Gang setzen, wodurch Stagflation droht. Powell wehrte sich jedoch im März gegen diese Sichtweise mit dem Argument, die wirtschaftlichen Bedingungen seien nicht vergleichbar zu den 1970er Jahren, als der Begriff Stagflation geprägt wurde.