In der Schweiz, Deutschland und anderen europäischen Ländern sinkt die Geburtenrate seit Jahren. Der Staat kann diesen Trend nicht stoppen, doch er birgt gewichtige Konsequenzen.
Morten Freidel, stellvertretender Chefredakteur der NZZ Deutschland, beleuchtet in einem Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen» die weitreichenden Veränderungen. Abonnenten können diesen kostenlos erhalten, auch wenn sie nicht in Deutschland wohnhaft sind.
Die Entscheidung vieler Europäer, nur wenige oder gar keine Kinder zu bekommen, führt zu subtilen, aber tiefgreifenden Veränderungen: Leerstehende Fussgängerzonen, schliessende Kitas und Schulen sowie eingestellte Buslinien sind die Folge. Ohne Zuwanderung werden sich öffentliche Räume zunehmend leeren, gepflegt von Robotern statt durch menschliche Hände.
In dieser neuen Realität wird Vereinsamung zur Norm und Menschen müssen länger arbeiten, um im Alter abgesichert zu sein. Diese Szenarien sind nicht apokalyptische Fantasien, sondern logische Schlussfolgerungen einer anhaltend niedrigen Geburtenrate von unter 2,1 Kindern pro Frau, wie sie in vielen europäischen Ländern seit Jahrzehnten beobachtet wird. In der Schweiz lag die Rate im Jahr 2024 bei einem historischen Tiefstand von 1,29 und in Deutschland bei 1,35.
Kritiker führen diese Entwicklung auf äussere Faktoren wie Wohnungsnot und mangelnde Kita-Plätze zurück und fordern bessere staatliche Betreuungsangebote. Die Unterstützung für Frauen im Bereich Kinderbetreuung ist essenziell, doch allein wird dies den Trend nicht umkehren können. Dieser hält seit zu langer Zeit an.
Interessanterweise wurde die Geburtenrate auch in Skandinavien niedriger, obwohl dort eine fortschrittliche Familienpolitik existiert. Die Gründe für kinderlose Lebensentwürfe sind komplex: Jüngere Generationen scheinen weniger von wirtschaftlichen Sorgen abgehalten zu werden, sondern von der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und Freiheit.
Die Entscheidung gegen Kinder ist oft die Wahl zugunsten eines freien Lebens ohne Einschränkungen durch familiäre Verpflichtungen. Dies spiegelt sich auch in den sozialen Netzwerken wider, wo der Geschlechterkampf tobt und traditionelle Rollenbilder hinterfragt werden.
In einer freiheitlichen Gesellschaft ist es jedem erlaubt, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Doch mit dieser Freiheit gehen Verantwortung und die Notwendigkeit einher, für das eigene Alter vorzusorgen und sich auf veränderte medizinische Versorgungsstrukturen einzustellen. Letztendlich hat jede Lebensentscheidung ihren Preis.
Quelle: Newsletter «Der andere Blick am Morgen», Morten Freidel