Seit Jahrzehnten ist das Werk von Lars von Trier eine Quelle der Kontroverse und Widersprüche – unkonventionell, schmerzhaft und persönlich geprägt; geordnet in Trilogien und durchzogen von obsessiven Motiven. Als zentrale Figur des europäischen Kinos seit den 1990ern steht er zugleich im Mittelpunkt und am Rand: gefeiert, angegriffen, oft missverstanden.
Nach seinen frühen Arbeiten in den späten Achtzigern zwischen formalen Experimenten und Genredekonstruktionen gelingt ihm mit “Europa” 1991 der internationale Durchbruch. In diesem Film gerät Leopold Kessler, ein junger Amerikaner im Nachkriegsdeutschland, in eine Welt aus Manipulation und Gewalt – Europa als Metapher für einen mentalen Zustand.
Nach der visuellen und symbolischen Aufladung dieser Zeit sucht von Trier 1995 nach radikaler Reduktion: Handkamera, natürliches Licht, keine künstlichen Effekte – Prinzipien, die er im Dogma-Manifest formuliert.
Mit seiner “Goldenen Herzen”-Trilogie – bestehend aus “Breaking the Waves” (1996), “The Idiots” (1998) und “Dancer in the Dark” (2000)– macht von Trier weibliches Leiden zum Kern seines Werks, das zu existenziellen Grenzerfahrungen führt. In “Breaking the Waves” wird Bess in einer strengen Gemeinschaft verstoßen, als sie aus Liebe zu ihrem gelähmten Mann die religiösen Normen bricht und sich selbst aufopfert.
Dieser Akt der Hingabe endet in einem verstörenden Erlösungsmoment. Ebenso schicksalhaft ist das Ende von Selma in “Dancer in the Dark”, die ihr Augenlicht verliert, um für ihre Sohn’s Operation zu sparen – ein tragisches Ende, das Gerechtigkeitsvorstellungen erschüttert.
Die Handkamera offenbart den inneren Aufruhr der Protagonistinnen. Die Zusammenarbeit mit Schauspielerinnen war herausfordernd: Emily Watson fand “Breaking the Waves” fruchtbar, während Björk für ihre Rolle in “Dancer in the Dark”, die ihr Cannes-Auszeichnung brachte, von einer belastenden Erfahrung sprach und 2017 Vorwürfe sexueller Belästigung andeutete, die von Trier zurückweist. Trotz Kritik arbeiteten viele Schauspielerinnen mit ihm, beschrieben dies als prägend, wenn auch schmerzhaft.
Von Triers Frauenfiguren polarisieren: Sind sie Märtyrerinnen, Ausgebeutete oder bedingungslos Liebende? Bleiben sie in einem patriarchalischen System gefangen, oder handeln sie eigenständig? Diese Ambivalenz führte oft zu Misogynievorwürfen: Weibliches Leiden wird zur Währung seines Kinos.
In “Dogville” (2003) wird Grace (Nicole Kidman) gedemütigt, bevor sie die Gewalt gegen ihre Peiniger wendet. Seine sogenannte “Depression-Trilogie” – bestehend aus “Antichrist” (2009), “Melancholia” (2011) und “Nymphomaniac” (2013) – zeigt weibliche Figuren in existenziellen Abgründen.
In diesen Filmen wird Depression als radikale Erkenntnisform dargestellt. Die Kostüme von Manon Rasmussen verleihen den Frauenfiguren irdische Präsenz, ihre Vulnerabilität hervorhebend: Bess’ gestrickte Baskenmütze in “Breaking the Waves”, Selmas schlichtes Arbeitskleid und Justines Brautkleid in “Melancholia”.
In den frühen 2000ern wurde von Trier zum öffentlichen Provokateur; Persona und Werk verschmolzen. Nach der Kontroverse um seine Bemerkungen über Adolf Hitler während der Cannes-Premiere von “Melancholia” verlor er seine Zulassung, der Film selbst bricht demonstrativ mit den Dogma-Regeln.
Seitdem ist von Trier kaum mehr vom Werk zu trennen: Von einem asketischen jungen Regisseur zum zerzausten Enfant terrible geworden – und nun gezeichnet durch Alkohol, Medikamente und Parkinson.
Mit “The House That Jack Built” (2018) treibt er die Provokation auf die Spitze: Der Serienmörder als Spiegel des Künstlers selbst. Sein neues Projekt “After”, das Tod und Jenseits thematisiert, setzt diesen Weg fort – sein Kino bleibt ein Ort der unversöhnlichen Unruhe.