In der tschechischen Literatur spielen Mythen eine zentrale Rolle, mehr noch als in anderen Literaturen ehemaliger kommunistischer Länder. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober steht Tschechien als Ehrengast und zeigt seine literarische Vielfalt. Im Garten des Sommerhauses von Bohumil Hrabal, einem bedeutenden tschechischen Schriftsteller, erinnert ein Holzofen an die Zeiten, in denen er mit Freunden unter freiem Himmel Geschichten austauschte. Heute wirkt sein Haus wie eine Puppenstube literarischer Geschichte, voll von Originalgegenständen und Nachbildungen aus früherer Zeit. Hrabals Tod im Februar 1997 bleibt rätselhaft – ein Sturz vom Fenster einer Prager Klinik, der Fragen über Selbstmord oder Unglück aufwirft. Die tschechische Literatur lebt von Mythen und großen Figuren wie Hrabal selbst, Václav Havel und Milan Kundera. Einige Autoren haben ihren Platz in größeren deutschsprachigen Verlagen gefunden, darunter Jáchym Topol, Radka Denemarková und Jan Faktor. Das Motto der Buchmesse, inspiriert von Shakespeares Missverständnis über Böhmen am Meer, lautet „Ein Land an der Küste“. Die Präsentation Tschechiens bei der Messe ist geprägt von Metaphern des Fließenden: Touristenschwärme in Prag, eine Bootsfahrt auf der Moldau und eine Expedition ins alte Klärwerk. Nordböhmen bietet mit seinen wellenartig aneinandergereihten Hügeln ein eigenes „Meer“. Hier verkehrt die nostalgische Strassenbahn Tatra T3 zwischen Liberec und Jablonec. Tschechien zeigt sich als freundliches Land, dessen literarischer Geschmack möglicherweise weniger raue Diskussionen zulässt. Die Vielfalt der Literatur könnte im Herbst entdeckt werden, da große deutsche Verlage manches Besondere übersehen haben. Das Berliner Publikationshaus Anthea hat sich zwei bemerkenswerte tschechische Romane gesichert: Marek Torčíks „Was die Zeit nicht nimmt“ und Miroslav Hlaučos „Pfingsten“. Marek Torčík, dessen Roman autobiografisch ist und sprachlich aufgeladen, erzählt von dysfunktionalen Familienverhältnissen. Sein Buch hat in Tschechien bedeutende Preise gewonnen und wurde bereits in 27 Sprachen übersetzt. Miroslav Hlaučos „Pfingsten“ vereint historische Vielfalt mit mythischen Elementen, wobei es sowohl humorvoll als auch tiefgründig ist. Der Besuch des alten Klärwerks in Prag bietet Einblicke in eine vergangene Epoche. Hier wurden Filme wie „Mission Impossible“ und „Les Misérables“ gedreht. Alice Horáčkovás Roman „Geteiltes Haus“, der im August erscheint, beleuchtet die Familiengeschichte im Riesengebirge vor dem Hintergrund von Vertreibung und kultureller Identität. Die Metapher des Meeres für Tschechien bei der Buchmesse bleibt komplex. Der Schriftsteller Jan Novák, ein Erfinder des Czenglisch, reflektiert über die Fragilität der kulturellen Identität in einem Land mit wechselnder Geschichte. Böhmen ist nicht nur Böhmen, sondern auch Mähren – und die Sprache hat sich stets gewandelt. Vielleicht ist Tschechien mehr als ein Land – ein Zustand, der ironisch und ernst zugleich ist, wie Bohumil Hrabal es beschrieben hätte: „Die Welt ist so unfassbar schön. Nicht, dass sie es wäre, aber so sehe ich sie.“