Sandro, ein 40-jähriger Luzerner, kennt das Leben auf der Strasse nur zu gut. Nach seiner Ausbildung als Maurer geriet er in die Sucht und verbrachte daraufhin mehr als zwei Jahrzehnte ohne festen Wohnsitz. Heute steht Sandro an seinem ehemaligen Schlafplatz in einer Tiefgarage, wo er einst zwischen seinen wenigen Habseligkeiten lebte, stets auf der Hut davor, dass ihm etwas gestohlen wird.
Er beschreibt die Vorurteile und abfälligen Kommentare von Mitmenschen als besonders belastend: “Sie denken, wir seien gerne hier. Doch das ist weit gefehlt.” Für ihn ist klar: “Viele haben keine Ahnung davon, was dieses Leben wirklich bedeutet.” Die Realität der Obdachlosigkeit erscheint oft einfacher, als sie tatsächlich ist. Viele verfügen über eine Wohnung, ein soziales Netzwerk, Arbeit und stabile Beziehungen – Sicherheiten, die nicht jeder von Geburt an hat.
Die Distanz und Ablehnung gegenüber Obdachlosen in der Schweiz sind weit verbreitet. Ein hartnäckiges Vorurteil behauptet, dass niemand gezwungen sei, auf der Strasse zu leben: Sozialhilfe, Notschlafstellen und weitere Hilfsangebote seien vorhanden. Wer dennoch obdachlos ist, wird oft als selbstverantwortlich für seine Situation angesehen. Ein Besuch in der Oltener Notschlafstelle “Schlafguet” zeigt jedoch die Komplexität der Situation auf.
Der Verein “Schlafguet”, finanziert durch Spenden und Stadtmittel, bietet 16 Schlafplätze an – zwölf für Männer und vier für Frauen. Diana Greiner, Teamleiterin vor Ort, erklärt: “Es ist nicht so einfach, dass jemand freiwillig auf der Strasse lebt.” Die Ursachen für Obdachlosigkeit sind vielfältig und komplex.
Saikou, ein 62-jähriger Bewohner von “Schlafguet”, verlor nach einer Trennung seine Wohnung und seinen Job. Ein Schicksalsschlag reicht oft aus, um obdachlos zu werden. Häufig sind es mehrere Faktoren wie familiäre Probleme, psychische Belastungen oder Sucht, die zusammentreffen. Trotz eines grundsätzlich guten Sozialsystems gibt es Lücken, insbesondere dort, wo mehrere Probleme kombiniert auftreten.
Sozialforscher Jörg Dittmann bestätigt, dass Faktoren wie psychische Erkrankungen oder fehlende Ausweispapiere häufige Gründe für Obdachlosigkeit sind. Der Zugang zu Hilfsangeboten gestaltet sich oft schwierig: Ohne festen Wohnsitz ist die Beantragung von Sozialleistungen kompliziert, und psychische Belastungen können den Umgang mit Bürokratie erschweren. Auch finanzielle Schulden sind ein Hindernis bei der Wohnungssuche.
Das Bild des freiwillig obdachlos Lebenden ist in Wirklichkeit kaum vorhanden: Eine Befragung zeigt, dass über 95 Prozent der Obdachlosen sofort wieder eine Wohnung beziehen würden, wenn möglich. Dennoch fällt es vielen schwer, das Leben auf der Strasse zu verlassen, vor allem wegen des angespannten Wohnungsmarktes. Sandro erlebte dies selbst: Sein Weg zurück in eine eigene Wohnung war lang und mühsam.
Seit er in einem betreuten Wohnen lebt, hat sich sein Leben grundlegend geändert: “Schon saubere Kleidung zu haben” ist für ihn ein Segen. Doch die Obdachlosigkeit bringt nicht nur materielle Nöte mit sich; sie belastet auch körperlich und psychisch. Dittmann spricht von gesundheitlichen Problemen, Einsamkeit und ständiger Unsicherheit.
Fazit: Die Entscheidung für ein Leben auf der Strasse ist selten freiwillig. Sie resultiert meist aus einer Kombination von Krisen, fehlender Stabilität und strukturellen Hürden. Das soziale Netz in der Schweiz ist vorhanden, aber nicht unbedingt eng genug, um niemandem zu fallen.
SRF 2, rec., 27.04.2025, 22:30 Uhr; noes