Ein Wolfsangriff war Auslöser dafür, dass sich Allison Meier für die Hirtentätigkeit interessiert. Die 31-jährige Schneiderin hat zwei Schafe gerettet, deren Beinbruch sonst tödlich gewesen wäre. Sie erwägt nun ernsthaft den Wechsel in diesen Beruf und will am Informationsabend im Tessiner Bellinzona mehr über die Ausbildung erfahren. Trotz Respekt vor den gefährlichen Wölfen ist sie von ihrem Vorhaben überzeugt: “Es braucht etwas Kaltblütigkeit, aber ich traue es mir zu,” sagt Meier.
Luciano, ein bald pensionierter Ingenieur, sieht die Herausforderung darin, nach 45 Jahren erneut Schüler zu sein. Für ihn ist der Kurs eine Rückkehr zu seinen ländlichen Wurzeln im Wallis. “Ich möchte dorthin zurückkehren, wo ich aufgewachsen bin,” erklärt er.
Neben diesen Quereinsteigern sind auch erfahrene Schäfer wie Donald Krocynski aus dem Bleniotal mit seinem Sohn Larry gekommen, um sich über den Kurs zu informieren. Besonders der theoretische Teil und das abschließende Diplom interessieren ihn.
Der Kurs bietet ein kantonales Diplom nach erfolgreichem Abschluss von praktischen und theoretischen Modulen an. Er beginnt Mitte Mai und endet mit einem Praktikum auf einer Alp sowie einer mündlichen Prüfung im September. Teilnehmer lernen dort den Umgang mit Schafen, Ziegen, Rindern und Herdenschutzhunden – letztere sind wegen der Wolfsgefahr von wachsender Bedeutung.
Sem Genini, Sekretär des Tessiner Bauernverbandes, hofft auf zahlreiche Anmeldungen nach dem Informationsabend. Der Beruf wird dringender und anspruchsvoller, nicht zuletzt wegen der veränderten Gesellschaftsstrukturen. “Internet gibt es auf manchen Alpen immer noch nicht,” so Genini.
Er ist zuversichtlich, dass das neue Kursangebot den Nachwuchs fördert. Fast 30 Personen haben sich für den Infoabend interessiert. Genini hofft auf weitere Anmeldungen von Quereinsteigern oder Berufsunabhängigen, die Interesse an einem Leben auf der Alp haben.
Allison hat bereits ihre Entscheidung getroffen und will umsatteln. Auch Larry überlegt nach seiner Försterlehre, den Weg des Hirtens einzuschlagen – fasziniert von der Einsamkeit und Ruhe auf der Alp.