Die Aussage, die Wladimir Putin oder einer seiner Gefolgsleute zugeschrieben wird, stammt tatsächlich von Fjodor Dostojewski. In einem Brief aus dem Jahr 1868 an Apollon Majkow äusserte sich der russische Schriftsteller zu nationalistischen Ideen und betonte die Notwendigkeit politischer Rechte für das grossrussische Volk, um eine Erneuerung der Welt herbeizuführen. Diese Gedanken sind besonders erschreckend aktuell angesichts des Überfalls Russlands auf die Ukraine im Februar 2022.
Dostojewski vermittelt seine Ansichten nicht direkt, sondern lässt in seinen Werken unterschiedliche Ideologien und Lebensauffassungen aufeinanderprallen. Er zeigt sich skeptisch gegenüber dem Westen und dessen moralischer Verfassung nach der Aufklärung. Dostojewskis Romane fordern die Leserinnen und Leser dazu auf, selbst Stellung zu beziehen.
Russische Literatur war traditionell ein Ort für gesellschaftliche Debatten, besonders in Zeiten strenger Zensur. Viele russische Autoren sahen sich als intellektuelle Avantgarde, was Russland bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 zum “Volk von Leserinnen und Lesern” machte.
In der Sowjetzeit war ein geheimer Buchtausch mit verbotenen Werken wie Alexander Solschenizyns “Archipel Gulag” über das stalinistische Lagersystem verbreitet. Diese Literatur bietet heutzutage Einblicke in die Denkweisen der Vergangenheit und zeigt, dass viele Aspekte des aktuellen Kreml-Narrativs nicht neu sind.
Lew Tolstois “Anna Karenina” thematisiert im letzten Teil den Aufstand der Serben gegen das Osmanische Reich. Der christliche Pazifist Tolstoi analysiert die Auswirkungen nationalistischer Propaganda, die in Russland zu einer kollektiven Mobilisierung führte.
Jewgeni Samjatin beschreibt in seinem dystopischen Roman “Wir” einen totalitären Staat ohne Massenterror. Der “Einzige Staat” zwingt seine Bürger zur Unterwerfung durch Überwachung und Sprachkontrolle.
Alexander Solschenizyns “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch” zeigt den Alltag in einem Straflager und die Isolation der Menschen unter autoritärer Herrschaft. Die russische Literatur hat Mechanismen autoritären Regierens schon lange vor unserer Zeit analysiert und diskutiert.
Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 8.5.2026, 9:05 Uhr; liea