Der Kolumnist erinnerte sich an einen Spruch Jesu: «Suchet, so werdet ihr finden», der in der Bergpredigt zu finden ist. Doch die Realität sieht manchmal anders aus – heute verbrachte ich eine volle Stunde mit einer erfolglosen Suche. Auf der Agenda stand das Auffinden einer alten Übersetzungsliste aus dem Literaturmagazin «Der Rabe», herausgegeben vom Haffmans-Verlag von 1982 bis 2001, welches mir einst sehr am Herzen lag und dessen Sammlung ich pfleglich bewahre.
Die etwa sechzig roten Taschenbücher stehen ordentlich im Souterrain zwischen Waschküche und dem ehemaligen Weinkeller, der nun als Lager für klassische Musik, Jazz und Blues dient. Doch wie nützlich ist die sorgfältige Aufstellung, wenn man nicht weiß, was in welchem Band versteckt liegt?
Um meine Suche zu erleichtern, stellte ich einen Stuhl auf und bereitete eine Tasse schwarzen Kaffee vor. Die Bände stapelte ich um mich herum auf dem Boden, während der portable Player mit Abba’s «Arrival» für die akustische Begleitung sorgte. Früher war ihre Musik ein Gräuel für mich, doch jetzt genieße ich sie sogar – Meryl Streep in «Mamma Mia!» tut ihr Übriges dazu. Dennoch empfinde ich den kalten Bandsound immer noch als äußerst unangenehm. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Tatsächlich verlor ich mich schnell in der Lektüre des «Raben». Ich fand zahlreiche Dinge, jedoch nicht das, wonach ich suchte. Der Bibelvers verspricht ja auch keine Garantie für exakt das Gesuchte. “Suchet, so werdet ihr finden” impliziert lediglich den Suchvorgang selbst; die Gewissheit des Findens wird nirgends zugesichert. Ursprünglich vermutete ich die Liste am Ende eines Bandes, in der Nähe von Rubriken wie «Der Rabe rät» und «Der Rabe rät ab», und durchforstete daher alle Bände von hinten nach vorne.
Statt der gesuchten Wörterliste stieß ich auf eine Sammlung für pompöse Rezensionen, aus der man Sätze wie «Die Ambiguität oszilliert im perspektivischen Narrativ» konstruieren konnte. Nur einen Eintrag aus der gewünschten Liste erinnere ich: “Kilimandscharo” wurde darin als Zusammensetzung von “to kill” und “mangiare” erklärt, was zu der Übersetzung “Menschenfresser” führte. Wussten Sie das?