Die Tessiner Autorin Anna Ruchat, geboren in Zürich, debütiert mit ihrem ersten Roman «Vertraute Gespenster». Für dieses Werk erhielt sie im Jahr 2023 den Schweizer Literaturpreis. Der Originaltitel lautet «Spettri familiari». Nach dem Erzählband «Neptunjahre», erschienen 2020 auf Deutsch, folgt nun dieser Roman.
Der Plot dreht sich um Teresa, ein junges italienisches Au-Pair, das in die etwas unübersichtliche Akademikerfamilie von Maria und Bruno kommt. Ihre Aufgabe ist es, zwei Kinder zu betreuen; jedoch bemerkt sie schnell, dass Konflikte unter der Oberfläche brodeln.
Esther, Marias ältere Tochter aus einer früheren Beziehung, die nicht mehr im Elternhaus lebt, spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Streitigkeiten entzünden sich häufig an ihr, und Teresa, die versucht zu schlichten, wird selbst kritisiert. Die gesamte Familiensituation erscheint vergiftet und komplex.
Anna Ruchat schildert ihre Geschichte in zwei Teilen: Zunächst aus Teresas Perspektive und anschließend nach einem 30-jährigen Zeitsprung, als Teresa und die Kinder ihr Leben gefunden haben. Diese Erzählweise enthüllt die Heuchelei innerhalb der Familie und verweigert den Lesern klare Antworten auf alle Fragen.
Die Geschwister meiden einander, um ihre Gefühle nicht preiszugeben. Ruchat verwendet eine nuancierte Erzähltechnik, die ihren Figuren Schutz gewährt. Sie integriert zudem drei Erzählungen aus ihrem früheren Band «Neptunjahre». Besonders auffällig ist der Beginn von «Die neue Stelle», den sie mit Motiven und der Figur Esther aus «Der Kauz» erweitert.
Ruchat hält die ungreifbaren Themen ihres Romans in einer Schwebe des Unausgesprochenen. Das Buch endet kurz vor einem Treffen, bei dem Teresa und den Geschwistern eine Nachricht vom verstorbenen Vater überbracht werden soll – ein Schuldeingeständnis oder vielleicht eine Liebeserklärung.
Anna Ruchat trat erst später als Autorin hervor. Bekannt ist sie auch als Übersetzerin, darunter Werke von Nelly Sachs, Paul Celan und Friedrich Dürrenmatt ins Italienische. Ende 2025 übersetzte sie Mariella Mehrs Gedichte in eine zweisprachige Ausgabe, die mehrere dieser Texte erstmals auf Deutsch veröffentlicht.
*Dieser Beitrag von Beat Mazenauer wurde mit Unterstützung der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung erstellt.