Autor: David Roth
Ohne aktive Maßnahmen wird Luzern weiterhin jährlich Wohnraum zugunsten des Tourismus opfern müssen. Ein Blick auf Amsterdam und Barcelona zeigt, wie dies vermieden werden kann. Die Stadt ist sowohl für Touristen als auch für Bewohner attraktiv. Doch diese Attraktivität steht zunehmend unter Druck, da der begrenzte Raum immer häufiger für kurzfristig profitablere Nutzungen reserviert wird – insbesondere für den Tourismus.
Das Problem: Derzeit stehen in Luzern etwa 6300 Hotelbetten zur Verfügung, die zu 74 Prozent ausgelastet sind. Dies gilt im Branchenvergleich bereits als vollständige Auslastung und signalisiert ein Warnzeichen. Früher wurde das Wachstum durch bessere Auslastung ausgeglichen, doch zukünftiges Wachstum erfordert neue Flächen – also mehr Infrastruktur für zusätzliche Übernachtungen.
Luzern Tourismus strebt ein jährliches Wachstum von fünf Prozent an. Dies bedeutet konkret:
– Jedes Jahr benötigt die Stadt 315 neue Hotelbetten.
– Der Flächenverbrauch entspricht acht Mehrfamilienhäusern mit vier Geschossen.
– Dadurch werden jährlich 64 Wohnungen verhindert oder vernichtet.
Luzern ist im Vergleich zu Amsterdam stärker touristisch belastet. In Amsterdam dürfen seit 2024 keine neuen Hotels mehr eröffnen, es sei denn, ein bestehendes schließt. Diese Regelung wird auch von einer Initiative in Luzern gefordert. Vergleicht man beide Städte: Während bei den Niederländern auf ein Hotelbett 17 Einwohner kommen, sind es in Luzern nur noch 13.
Besonders kritisch ist die breite planungsrechtliche Zulassung von Hotels in Luzern. Diese sind nicht nur auf Tourismus- oder Gewerbezonen beschränkt, sondern auch in Wohn- und gemischten Bereichen erlaubt. So konkurriert der Hotelbau direkt mit dem Wohnungsbau um dieselben knappen Flächen.
Dies zeigt sich besonders bei neuen Beherbergungsformen wie Self‑Check‑in‑Hotels und Apartmentbetrieben, die faktisch Kurzzeitvermietungen ähneln. Sie entziehen sich der Wohnraumschutzlogik und werden oft bevorzugt realisiert, wo eigentlich Wohnraum benötigt wird.
Der Tourismus verändert auch das Stadtbild: Dienstleistungen richten sich zunehmend an eine zahlungskräftige Kundschaft, was die soziale Durchmischung der Stadt beeinträchtigen kann. Die bisherige Tourismuspolitik misst Nachhaltigkeit hauptsächlich in Auslastungszahlen und Wachstum, vernachlässigt dabei jedoch langfristige Effekte auf den Wohnungsmarkt.
Die Initiative fordert keine Reduzierung des Tourismus, sondern eine bewusste Begrenzung der Hotelbettenzahl. Dies soll nicht Stillstand bedeuten, sondern eine Qualitätsorientierung gegenüber reiner Quantität. Ein solcher Schritt ist notwendig, um die Stadtentwicklung auszubalancieren.
Ein Hotelbettendeckel allein löst jedoch nicht alle Probleme und ersetzt keine aktive Wohnraumpolitik. Er schafft aber eine Grundlage, ohne die andere Diskussionen ins Leere laufen würden. Solange der Beherbergungsbereich unbegrenzt wachsen kann, bleiben andere Ziele unter Druck.
Luzern hat Erfahrung im Umgang mit Tourismus, benötigt jedoch auch Raum zum Wohnen und Arbeiten. Ohne Schutz dieser Nutzungen bleibt die Stadt dem Markt überlassen; nur durch Steuerung bleibt ihre Balance erhalten.